Lange Beziehungen und die Angst, etwas zu verpassen

Mit der Länge einer Beziehung kommen auch die Zweifel: Habe ich den richtigen Partner an meiner Seite oder habe ich mich zu schnell gebunden?

„Was lange währt, wird endlich gut“, heißt es in einem altbekannten Sprichwort. Das gilt für Vieles aber nicht immer für die Liebe. Dort verhält es sich sogar in nicht wenigen Fällen genau andersherum. Wo am Anfang der Himmel voller Geigen hing, das Herz in romantische Rhythmen verfiel und das Leben eine beschwingte Note bekam, hat sich mit der Zeit der Alltag eingeschlichen. Ein fieser Zeitgenosse, der den Zauber vertreibt und dunkle Schatten auf die Beziehung wirft. Die negativen Seiten des Partners längst offen gelegt, fragt sich der eine oder die andere, warum die verliebten Blicke, die zärtlichen Gesten und der gute Sex weniger geworden sind, sich dafür aber Streit und Disharmonie in höherem Maße finden lassen.

Aus Fragen werden schließlich Zweifel und dann tritt die Angst auf den Plan: Die Angst, das Leben könne an einem vorüberziehen, während man noch im Warmen sitzt und über richtig und falsch grübelt. Man lebt schließlich nur einmal, und andere Mütter haben auch schöne Kinder. Und vielleicht passt man ja auch gar nicht zueinander?

Wer an diesen Fragen in seiner Partnerschaft angelangt ist, hat den Punkt der Desillusionierung erreicht: Die Erkenntnis, dass Liebe nicht aus ewig anhaltendem Kribbeln und stets positiven Gefühlen besteht. Der hat erkannt, dass dies nicht nur vorbeigeht, sondern eben auch nicht mehr wiederkommt. Und der steht vor der großen Aufgabe zu entscheiden, ob in der eigenen Partnerschaft so viel Liebe besteht, dass es einen Schritt tiefer kann - oder ob die Zweifel und die Verführung all des Neuen, das man noch nicht kennt, siegen.

Denn eine lange Partnerschaft zu führen, bedeutet oft auch Verzicht. Ein gemeinsamer Weg ist eben kein individueller Weg mehr. Er ist abgestimmt auf Gemeinsamkeiten und besteht auch aus Rücksicht und Mäßigung. Kommt dann nach einer langen Zeit die erste wirklich handfeste Krise, dann kommen all diese Entsagungen, die sich vielleicht am Wegesrand gesammelt haben, auf einmal aus ihren Ecken gesprungen. Eine Beziehung trägt sich nun einmal nicht allein durch Verliebtheit - für eine lange und gute Partnerschaft braucht es Liebe. Und das, was man am Anfang einer Bekanntschaft dafür hielt, hat damit meist wenig zu tun.

Wer sich dafür entscheidet, der Beziehung die Tiefe abzuverlangen, die es braucht, um wirklich lange zu halten, sollte Empfindungen wie die Angst, etwas zu verpassen, aber nicht hinunterschlucken - aus Sorge vielleicht, die Liebe zu gefährden. Im Gegenteil: Wer die wirkliche Nähe und Tiefe anstrebt, die eine gute Beziehung auszeichnet, der packt die Wahrheit auf den Tisch - und macht sich damit verletzlich und angreifbar. Dem Partner die intimsten Emotionen und größten Schwächen offen zu legen und gleichzeitig den Willen zu zeigen, diese zu überwinden, beweist ein großes Vertrauen - in den anderen, aber auch in die Partnerschaft.

Liebe ist letztlich das, was dem Menschen zu Höherem verhilft: Dazu, auch die Fehler und Makel des anderen zu akzeptieren und sich nicht an seinen Unzulänglichkeiten emporzuschwingen, sondern ihm dabei zu helfen, diese zu bewältigen - oder mit ihnen klar zu kommen. Liebe ist das, was aus zwei Emotionen eine macht - und dazu beiträgt Zufriedenheit zu empfinden. Und Liebe ist es schließlich auch, die aus dem rohen Diamanten der Verliebtheit das geschliffene Juwel der Authentizität macht.

Und eigentlich sollte es diese Erfahrung sein, die zu verpassen einem Angst macht.

Von Lea-Patricia Kurz