Nach dem Sex wird der Mann zum Säugling

Viele Frauen beschweren sich, dass Männer triebgesteuert sind. Dass dasselbe Hormon, das die Männer egoistisch wirken lässt, auch sie selbst beeinflusst, wissen sie oft gar nicht.

Die Liebe ist letztlich nur eine hormonelle Angelegenheit. Wer sich in wen verliebt und warum, ist keine Frage eines romantischen Determinismus' und somit eine große und schicksalhafte Angelegenheit, sondern nur ein gut gemischter Cocktail aus Hormonen. So zumindest will uns das die Wissenschaft immer wieder weismachen. Dagegen halten die Künstler, Poeten und Dichter, die Musiker und Maler mit ihren Werken, aus denen eine Energie entspringt, die nur wenige der Normalsterblichen kennen und die ihren Ursprung nur in einer Erklärung finden kann: Sie entstammt flammenden Gefühlen aus Liebe und Leidenschaft.

Doch die Realität spricht eigentlich eine deutliche Sprache - hört man auf die Damenwelt, die sich oft genug darüber beschwert, dass der Mann sich desinteressiert zeigt, nachdem die Eroberung der Frau gelungen und der Trieb befriedigt ist. Er wolle nur das Eine und wenn er das bekommen habe, drehe er sich um und schlafe ein. Erniedrigend, finden viele Frauen. Ein Spiel der Hormone sagt Eckart von Hirschhausen.

Er hat ein Buch geschrieben und versucht, dem Mysterium der Liebe noch ein weiteres Stückchen näher zu kommen. Und wer, wenn nicht er, der als Schriftsteller, Kabarettist und Arzt genreübergreifend agiert, könnte uns hier noch was Neues erzählen?
Er spricht von Hormonen - natürlich. Aber ganz besonders von einem: Oxytocin, das "Kuschel"-Hormon, wie er es nennt. Dieses Hormon hat großen Einfluss auf alle sozialen Interaktionen, so zum Beispiel die zwischen Mutter und Kind. Es löst etwa die Milchejektion aus und verschafft der Mutter ein angenehmes Gefühl und teilweise sogar Gefühle von Lust. Das Wort "stillen" kommt daher, dass das Hormon über die Milch in das Kind gelangt und dieses beruhigt. Das wiederum beruhigt natürlich auch die Mutter. Diese Wechselwirkung ist nur ein Beispiel dafür, wie Oxytocin die emotionale Bindung der Mutter an das Kind verstärkt.

Auch für das Verhalten zwischen Geschlechtspartnern ist Oxytocin zuständig. Ausgeschüttet beim Sex, hat es bereits während des Aktes eine luststeigernde Wirkung auf Männer und Frauen. Die beim Orgasmus freigesetzte Dosis Oxytocin ist es auch, die für das Gefühl der engen Verbunden- und Vertrautheit der Partner verantwortlich ist. Beim Mann löst es diesen entspannenden und ermüdenden Effekt aus, der ihn desinteressiert wirken lässt, weil er eben einfach einschläft. Dabei ist dieses Verhalten nach dem Sex keine Geste der Respektlosigkeit und auch kein Desinteresse, das der Befriedigung seines Triebes folgt, sondern lässt sich vergleichen mit dem Säugling, der nach dem Stillen satt und zufrieden einschläft. Ein etwas anderes Stillen sozusagen.

Und letztlich sind es eben nicht nur die Männer, die ihrer Natur erliegen, sondern auch die Frauen. Dass bei ihnen das Baby profitiert, während bei den Männern die Frau gekränkt wird, ist nun einmal leider so. Und so zivilisiert wir auch sind und so poetisch der Platz ist, den die Liebe in unserer Kultur eingenommen hat: Gewisse Vorgänge in unserem Körper bleiben chemisch und hormonell gesteuert. Und vielleicht zeigt sich die Romantik der Liebe weniger in der Rebellion gegen die eigenen Körperreaktionen, als vielmehr in dem liebevollen Umgang mit der wilden Natur in uns.

Von Lea-Patricia Kurz