Wie aus einer Patchwork-Familie mehr wird als nur ein Flickenwerk
War der Begriff "Patchwork-Familie" anfangs vielleicht abfällig gemeint, steht er inzwischen ebenso für Offenheit, Toleranz und auch Individualität. Patchwork-Familien sind ein Symbol unserer Zeit, sind mehr als die Summe zusammengewürfelter Misserfolge. Sie stehen für das Ende alter Werte und sind der praktische Beweis dafür, dass sich nach vergangenen Werten auch wieder neue bilden. Doch wie jedes Lebensmodell bringen auch sie ihre Schwierigkeiten mit sich.
Bei dem "Internationalen Tag der Familie", der am 15. Mai begangen wird, sticht vor allem ein Wort ins Auge: Familie. Wo es früher eine ganz genaue Vorstellung davon gab, wie sich Familie bildete, was ihre Werte waren und wie sie zusammenhielt, gibt es heute eine Vielzahl gelebter Interpretationen. Eine Heirat heißt nicht mehr zwingend, dass man ein Leben lang zusammen bleibt und ein inzwischen fast klassisches Modell ist die Patchwork-Familie. Kinder haben auf einmal vier Eltern, neue Geschwister sind schon im Erwachsenenalter, die Mutter ist ein Mann und der Vater eine Frau und das Wohnmodell wird alle paar Jahre erneuert. Diese teilweise etwas überzeichnete Umsetzung eines Patchwork-Modells weist auch gleichzeitig auf ihre Probleme hin: Denn dort, wo neue sich neue Werte und Modelle formen, mangelt es natürlich auch an Orientierung - besonders für die Kinder. Schnell kommt da die Frage auf: Wie lässt sich ein Patchwork-Modell heute erfolgreich leben?
Ein besonders straffer Fallstrick ist dabei das Streben nach Perfektion. Denn die Muster, die normalerweise angestrebt werden, sind heute kaum noch erfüllbar. Zu viel hat sich verändert und die Individualität, die heute möglich ist, bringt nicht nur Raum mit sich, sondern fordert ihn auch. Das Modell der Familie ist ausdifferenzierter geworden - so, wie es auch die Menschen in ihm sind.
Als Erwachsener sind solche wechselnden Zeiten und neuen Wege sicher mit Erfahrung und Reflexion zu handhaben. Anders sieht es jedoch bei den Kindern aus. Sie gehen zunächst den Weg, den ihre Eltern gehen, weshalb es von diesen eine besondere Umsicht erfordert.
Wichtig ist, dass Kinder nicht überfordert werden. Um gesund aufzuwachsen ist ein gewisses Maß an Beständigkeit und Sicherheit wichtig. Schnell wechselnde Partner sind vielleicht für Mutter oder Vater in Ordnung, können ein Kind jedoch schnell verunsichern und aus dem Takt bringen. Es ist also sicher eine Überlegung wert, ob jeder neue Partner direkt den Kindern präsentiert werden muss. Oft ist es ratsam, es langsam angehen zu lassen und erst ab einer bestimmten Ernsthaftigkeit und bei einer auf Dauer angelegten Beziehung die Kinder zu integrieren. Denn wenn das, woran sie sich gewöhnt haben, auf einmal genauso schnell wieder weg ist, wie es gekommen ist, dann ist das für Kinder ein großer Unsicherheitsfaktor. Ersparen Sie ihnen das.
Haben Sie Ihren Partner dann der Familie vorgestellt, beginnt auch schon der nächste Drahtseilakt. Kinder beäugen den neuen Mann oder die neue Frau argwöhnisch und haben oft Angst Mutter oder Vater an den "Eindringling" zu verlieren. Hier braucht es viel Geduld, Zeit und Verständnis. Oberstes Ziel sollte es sein, den Kindern die Stabilität zu geben, die sie brauchen, um Vertrauen zu fassen. Die Mutter oder der Vater stehen dabei meist im Fadenkreuz, müssen beide Parteien zusammenbringen und das möglichst ohne Schäden.
Hilfreich ist es, viel gemeinsam zu unternehmen aber auch den Alltag gemeinsam zu gestalten. Regelmäßige und vor allem gemeinsame Mahlzeiten können Ihnen Raum geben für das Einzige, was wahrscheinlich in allen Modellen existentiell ist: Reden, reden, reden. Nur so kommen Sie dahinter, wie sich jeder einzelne mit der Situation fühlt.
Wichtig ist es, die Erwartungshaltung möglichst klein zu halten. Es gibt auch für Patchwork-Familien keinen Proto-Typ, der das zu erreichende Ziel darstellt. Es gehört dazu, Fehler zu machen, auch unvermeidbar ist es, sich gegenseitig zu verletzen - das passiert zwangsläufig, wenn Menschen aufeinander treffen. Besonders, wenn es sich um liebende Menschen handelt. Entscheidend für Erfolg oder Scheitern einer jeden Familie ist letztlich, wie mit den Fehlern und Verletzungen umgegangen wird.
Von Lea-Patricia Kurz





