Romantik versus Sexualisierung der Liebe

Sex sells - das wusste schon Sigmund Freud. Auch, wenn sein Ansatz sicher eher weniger verkaufspsychologisch gedacht war, unterliegen Liebe und Partnerschaft doch starken sexuellen Maßstäben. Wo bleibt da noch Raum für Romantik?

Wir begegnen dem Prinzip der Sexualisierung fast überall: Hauptsächlich in der Werbung, in Kunst und Kultur - aber eben auch in den Wertevorstellungen unserer Gesellschaft. Wir wissen genau, wie oft wir Sex haben sollten, wie er funktioniert, wann er gut ist und wann nicht. Und auch, wenn Freuds Theorien teilweise widerlegt wurden und nicht jedes Problem auf eine gestörte, pervertierte oder unterdrückte Libido hindeutet, so weisen doch Ausdrücke wie "oversexed und underfucked" darauf hin, dass ein großer Teil unseres Gefühls- und auch Alltagslebens eben doch immer wieder bei dem Thema Sex landet.

Wo bleibt in so einer Welt Platz für Romantik? Wie kann man entspannt, Händchen haltend und verliebt einen lauen Sommerabend mit dem Schatz genießen, wenn man doch eigentlich ständig darüber nachdenken sollte, ob das Dekolleté gepusht genug und der Waschbrettbauch flach genug ist, ob man geduscht hat, für den Fall, dass … und dazu die ständige Konkurrenz, die garantiert nicht schläft. Wie kann man sich auf Liebe konzentrieren, wenn von jedem Plakat "Sex" blinkt, mal subtil, mal gnadenlos direkt und auch der Filmabend auf dem Sofa mit einer heißen Bettszene erst seinen Höhepunkt erreicht - im wahrsten Sinne des Wortes.

Zunächst muss man hier sicher zwei Dinge trennen: Liebe und Sex. Für viele Menschen eigentlich untrennbar miteinander verbunden, ist hier nicht gemeint, dass es um Sex ohne Liebe geht. Nein, vielmehr dreht es sich um Liebe ohne Sex. All die oben beschriebenen Einflüsse und Ansprüche stürzen von außen auf uns ein. Sie sind überwiegend gesellschaftlich geprägt und stellen Erwartungen dar, die gar nicht zwingend unsere eigenen sein müssen. Es gilt nur, diese einmal für sich selbst zu reflektieren.

Am besten geht dies mit dem Partner zusammen. Die zunehmende Sexualisierung unseres Alltags einfach einmal beim Namen zu nennen, tut schon sehr gut - weil es das Ganze greifbar macht. Miteinander darüber zu sprechen, was der ständige Fokus auf Erotik und Sexualität bei Ihnen und Ihrem Partner auslöst, raubt zumindest schon einmal der Subtilität ihre Macht. Sie lernen die Ängste und Bedenken Ihres Liebsten und auch ihre eigenen kennen - was vielleicht einen gewissen Druck aus Ihrem Miteinander nimmt.

Liebe hat nichts mit gutem Sex zu tun. Es gibt durchaus auch Paare, die überhaupt keinen Sex haben und dennoch glücklich sind. Das muss nicht das Optimum für jeden sein, aber es macht deutlich, dass die beiden Dinge nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben - auch wenn viele schlaue Ratgeber uns das immer wieder suggerieren wollen. Tiefe und Stabilität einer Partnerschaft lassen sich nun einmal nicht an der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs messen.

Dennoch tut es bei aller Reflexion gut, den Einflüssen manchmal einfach zu entgehen. Dies gelingt am Besten dort, wo die Zivilisation - und damit das gesellschaftliche Wertesystem und Faktoren wie Verkaufs- und Werbepsychologie - möglichst weit weg sind: Zum Beispiel in der freien Natur. Leben und Liebe einmal auf das Nötigste zu reduzieren und sich den Urkräften und der Zweisamkeit zu überlassen, kann Ihnen beiden gut tun. Das heißt nicht zwingend, dass sie eine Zeit frei von Erotik und Sexualität miteinander verbringen werden, aber wenn es dazu kommt, fühlt es sich vielleicht einmal ganz anders an.

Von Lea-Patricia Kurz