Von Sinn und Unsinn des Small Talks

Von vielen verpönt, hat Small Talk dennoch einen tieferen Sinn. Als Hilfsarbeiter beim Kennenlernen bietet er auch andererseits die Möglichkeit des Selbstschutzes.

Über die Kunst des Small Talks sind schon viele Bücher geschrieben worden. Wie man einen Menschen auf einer Feier anspricht, ihm im Alltag begegnet oder sich galant aus einem Gespräch hinaus rettet, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen. Die wahre Kunst des Small Talks liegt dabei in dem Balanceakt, Allgemeines auszutauschen ohne langweilig zu wirken und Respekt zu wahren, ohne Distanz zu signalisieren.

Doch vielen Menschen liegt diese Art der Kommunikation nicht. Sie empfinden den Austausch über Beruf, Wetter und Freizeit als oberflächlich, teilweise sogar als "falsch" und unwahrhaftig. Besonders Menschen, die vielleicht schon etwas länger nach einem Partner suchen, scheinen oft ungeschickter anstatt geübter zu werden. In jedes Gespräch legen sie die Hoffnung auf ein Happy End, einige Enttäuschungen sitzen ihnen bereits im Nacken und sie sind der zeremoniell anmutenden Gesprächsführung einfach müde. Am liebsten möchten sie sofort wissen, was Sache ist und ob etwas daraus wird oder nicht.

Doch Smalltalk hat einen großen Vorteil. Richtig angegangen bietet er einen Rahmen, an dem man sich während einer Begegnung entlang hangeln kann, vergleichbar vielleicht mit dem Beckenrand des Schwimmbads, den man erst dann loslässt, wenn man weiß, dass das Wasser nicht zu tief und nicht zu kalt ist.

Anstatt ungezwungene Formalitäten über das Wie und Warum der Anwesenheit auf einer Feier auszutauschen, könnte man sich dem anderen auch gegenüberstellen, ihn von oben bis unten kritisch mustern und sagen: "Ich wollte nur mal sehen, ob mir dein Äußeres gefällt, ob ich deine Ausstrahlung mag und ob unsere Blick auf das Leben ähnlich genug ist, um dich näher kennenzulernen." Denn nichts anderes bietet der Small Talk: Die Möglichkeit sich zu beschnuppern, zu schauen, wie sich der erste Eindruck angeht und ob gegenseitiges Interesse auf mehr besteht.

Dennoch liegt der Small Talk nicht jedem - und es gibt sogar Menschen, die ihn komplett weglassen und sofort mit Tiefgründigkeit angreifen. Sie beginnen ein Gespräch gleich mit einer philosophischen Frage oder einer provokativen Aussage. Diese sofortige "Bodenlosigkeit" ist aber für manche Menschen zu viel des Guten und sie fühlen sich überrumpelt. So werden Chancen vertan, bevor sie entdeckt wurden. Auch das sollte man vermeiden.

Letztlich geht es tatsächlich um Authentizität. Es ist nicht verboten, den Sinn von Small Talks zum Thema selbst zu machen, sozusagen eine Art Flucht in die Meta-Ebene anzutreten ohne mit dem Hammer der Tiefsinnigkeit blind um sich zu schlagen. Man darf seine kritische Ansicht zu diesem Thema durchaus äußern - manchmal ist dies erst der Aufhänger für ein interessantes Gespräch. Stellt sich Stille und peinliches Schweigen ein, so kann auch das thematisiert werden. Kriegen Sie dennoch an dieser Stelle die Kurve nicht hin zu anderen Themen, die sie beide begeistern, stimmt vielleicht einfach die Chemie nicht - und der Small Talk hat seinen Sinn erfüllt: Denn man muss nicht jedem, mit dem es nicht passt, gleich die persönlichsten Geheimnisse und Ansichten anvertrauen.

Wichtiger als er ist, sollte man Small Talk also nicht nehmen. Es geht weniger um das Was als um das Wie. Führen Sie ihn lächelnd, wenn sie ein positiver Mensch sind und ernsthaft, wenn Ihnen danach zu Mute ist. Sehen Sie ihn als Rahmen, in dem Sie sich positionieren können ohne sich selbst zu verlieren oder zu offen zu sein. Wenn ihr Gesprächspartner der Partner oder die Partnerin Ihres Lebens ist, werden Sie noch genug Zeit haben, fernab von der Oberflächlichkeit des Smalltalks, miteinander in ferne, gedankliche Sphären zu reisen.

Von Lea-Patricia Kurz
 

 
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