Wer auf der Suche nach der großen Liebe ist, kennt die Stunden der Einsamkeit, in denen man sich fragt, ob in diesem Leben überhaupt noch Liebe für einen vorgesehen ist. Wo alles suchen und sich finden lassen nichts hilft, steigt neben dem Frust eigentlich nur noch eines: Die Angst, dass die Zeit gegen einen spielt. In welchem Alter auch immer man Single ist, Männer und Frauen machen dabei im Laufe ihres Lebens ähnliche Stationen der Torschlusspanik durch: Mit Mitte Dreißig ist es die Frage nach der Familienplanung, wenn die Kinder aus dem Haus sind, die viele Zeit, die man nicht allein verbringen möchte und irgendwann taucht die Furcht auf, den Lebensabend allein verbringen zu müssen.

Aber Menschen, die ihren Partner irgendwann im Alter durch den Tod verlieren, machen sich meist gar nicht mehr auf die Suche. Viele von ihnen sind sich sicher: Das war es mit der Liebe. Das ist nichts mehr für mich. Und wer will noch so eine(n) wie mich? Da werden Gründe aufgezählt, die vom weißen Haar, über die Falten bis hin zu den vielen kleinen Macken und Marotten reichen, die sich im Laufe eines langen Lebens angesammelt haben.

Und trotzdem: Es gibt sie immer wieder - Geschichten, die verzaubern, Geschichten die erzählen von der einen, wahren Liebe: Und die kennt keine Zeit.

So geschehen ist es Inge (72) und Franz (86). Sie lernten sich im Altersheim kennen. Dort, wo viele alte Menschen hingehen, weil sie versorgt sein wollen, wenn sie eines Tages nicht mehr so können wie sie wollen oder weil sie sich bereits nicht mehr dazu in der Lage fühlen, den Alltag allein zu bewältigen. Mit der Liebe rechnen dort noch die wenigsten.

Ganz zart hat es begonnen zwischen Franz und Inge. In einer Schwimmgruppe sahen sie sich zum ersten Mal - doch Franz wartete nicht lange, bis er sich ein Herz fasste und Inge zum Kaffee einlud. Engumschlungen drehten sie von da an Runde um Runde im Park - doch die endlosen Gespräche ließen keinen Zweifel an der Botschaft des ersten Augenblicks: Hier hatten sich zwei gefunden - und die beiden waren nur zu schnell bereit, sich ihrem Schicksal zu ergeben. Als Franz wenige Monate später um Inges Hand anhielt, sagte sie sofort ja.

Doch was in der Jugend die Eltern, sind im Alter die Kinder. Nicht alle schlugen freudestrahlend und ungläubig die Hände vor den Mund. Franz' Tochter unterstellte der neuen Frau an der Seite ihres Vaters rein finanzielle Interessen. Ein Familienhaus gab es, ihr eigenes Erbe, das beim Tod ihres Vaters an seine neue Frau gegangen wäre. Inges Sohn hingegen fand, dass seine Mutter für solche irrationalen Verrücktheiten doch irgendwie zu alt wäre.

Schlechtwetter gab es auch von der Heimleitung, die sich Gedanken um den Ruf des Hauses und den Frieden in selbigem machte. Und tatsächlich gab es Getuschel, Missgunst und böse Worte. So, wie in jedem Alter, wenn einsame Menschen sich unausweichlich mit Glück konfrontiert sehen. Doch ebenfalls wie in jedem Alter, legt sich meist auch die erste Aufregung schnell - und die Liebe siegt. Denn das schönste Fazit kommt von Franz und Inge selbst: Was sich im Laufe eines Lebens ändert, sind Aussehen und Erfahrungsschatz, die Gefühle und ihre Intensität aber bleiben gleich.

Von Lea Patricia Kurz