Gerade Menschen, die seit langer Zeit Single sind, an ihrer Einsamkeit leiden und seit gefühlt ebenso langer Zeit versuchen, etwas dagegen zu unternehmen, kommen irgendwann an den Punkt, an dem sie sich die Frage nach ihrer Liebesfähigkeit stellen. Diese Menschen sind oft bei Flirtportalen im Internet angemeldet, nehmen in reger Weise am gesellschaftlichen Leben teil und haben oft auch ein Date nach dem anderen. Und trotzdem: Der Funke will nicht überspringen. Selbst dann nicht, wenn Amors Pfeil beim Gegenüber einen Treffer gelandet hat. Viele Singles beginnen sich da zu fragen, ob sie noch lieben können und überhaupt "normal" sind. Sie beginnen zu vergleichen, schauen sich im Bekanntenkreis um und fragen Freunde, wie oft sie sich in welcher Zeitspanne verliebt haben. Denn kann es wirklich sein, dass man die tollsten Menschen kennenlernt, vielleicht sogar Avancen kriegt und Liebesgeständnisse bekommt, und all' das einen kalt lässt? Ist es normal, dass der angebliche Traummann in all seiner äußeren und inneren Form, vor einem steht und das Herz in normalem Rhythmus weiterschlägt?

Ja, das kann sein. Und es ist auch normal. Denn trotz menschlicher Vermarktungsstrategien bleibt die Liebe ein rares Gut. Sie lässt sich nicht nach Schema F erzwingen, nur begünstigen und wenn man auf sie wartet, lässt sie sich eben gern besonders viel Zeit.

Eine Quote der Verliebtheit, eine Regelmäßigkeit oder einen Durchschnittswert gibt es nicht. Liebe ist nicht häufig oder selten, sie ist nicht normal und schon gar nicht kategorisierbar. Aufmunternde Sätze wie "Der oder die Richtige ist einfach noch nicht gekommen" finden ihren Ursprung nicht zwingend darin, dass es nur eine Richtige oder einen Richtigen gibt, den man nun unter mehreren Milliarden Menschen finden soll. Nein, es meint den richtigen Menschen für den richtigen Zeitpunkt - was eben auch impliziert, dass es einen richtigen Menschen zum falschen Zeitpunkt gibt (oder umgekehrt).

Es gibt Menschen, die verlieben sich schnell und oft. Und nicht selten ist die Luft genauso schnell wieder raus, wenn die Liebe unerwidert bleibt. Und ebenso gibt es Menschen, die brauchen länger, schauen länger und prüfen länger, ehe ihr Herz sanft mit dem Kopf nickt. Keine der beiden Arten zu lieben ist echter oder wahrhaftiger, als die andere. Sie sind unterschiedlich, nicht zu bewerten und geben somit auch keinen Anlass zur Sorge. Denn welche Faktoren genau in den Prozess des Verliebens hineinspielen, weiß niemand so wirklich. Es mögen die eigenen Ansprüche sein, Wünsche, Hoffnungen, Muster, Hormone, Äußerlichkeiten, emotional oder rational gesteuerte Elemente, Einflüsse von Jahreszeiten und Weltgeschehen, Gezeiten oder Sternbildern. Die Liebe ist unendlich - genau wie ihre Facetten. Aber sie ist keine Fähigkeit, die man erlernt oder nicht. Sie ist höchstens eine Triebkraft, die es zu befreien gilt.

Wer sich also nach einem Partner sehnt und auch den Kampf mit der berühmten Stecknadel im Heuhaufen aufgenommen hat, wer schon einmal in seinem Leben verliebt war, glaubt, bindungs- und beziehungsfähig zu sein, der sollte sich nicht noch zusätzlich belasten, indem er sich den Selbstzweifeln hingibt.

Wen das aber nicht beruhigt, der kann vielleicht eine Beratungsstunde beim Psychologen, Coach oder entsprechenden Anlaufstellen in Anspruch nehmen, um ein klärendes Gespräch zu führen.

Von Lea Patricia Kurz