Wenn das Single-Dasein peinlich wird

Als wäre das Alleinsein nicht schon genug - was passiert, wenn Singles sich zu schämen beginnen.

Es gibt sicher so einige Dinge, die einem peinlich sein können: Zum Beispiel aus einer öffentlichen Toilette zu kommen und den Rock aus Versehen in die Strumpfhose gesteckt oder Toilettenpapier unter dem Fuß kleben zu haben. Und auch eine Geschlechtskrankheit ist nichts, womit man gern prahlt. Aber das eine ist schnell behoben und das andere sieht zum Glück nicht jeder. Anders bei der Tatsache, ohne Partner durchs Leben zu gehen.

Wem dieser Vergleich bizarr erscheinen mag, hat eigentlich vollkommen Recht, aber wahrscheinlich noch nie das Gefühl erlebt, dass sich mit dem Single-Dasein einstellen kann, wenn man wieder und wieder von seinem Umfeld darauf gestoßen wird, "anders" zu sein. Denn dass vielen Singles ihr Beziehungsstatus unangenehm, ja sogar peinlich ist, liegt vor allem an dem Stellenwert, welcher der Liebe in unserer Gesellschaft eingeräumt wird. Denn so vielfältig die Lebensmodelle von Menschen auch sein können, es gibt eine Mehrheit - und die strebt eine klassische Beziehung und das Gründen einer Familie an. So wird ein Single stets mit der Tatsache konfrontiert, dass er eben ein Single ist - und somit anders als wahrscheinlich der Großteil seines Umfelds. Sei es bei Pärchenabenden, Geburtstagen, Familienfeiern oder Hochzeiten - dass jemand allein kommt, fällt einfach immer auf: Ein Single auf Pärchenabenden oder der fehlende Sitznachbar bei Hochzeiten - je älter Menschen sind, desto auffälliger ist es, wenn sie allein leben. Und wo es für einen Single, der das Fehlen eines Partners nicht als Manko empfindet, noch unproblematisch sein mag, wird es für die anderen, die sich nach Liebe und Zweisamkeit sehnen, schwierig. Wenn Freunde und Familie immer wieder Verkupplungsversuche unternehmen und damit unmissverständlich klarmachen, dass man allein "nicht komplett" ist, wird die Wunde wieder und wieder aufgerissen. Und irgendwann kann der Tag kommen, an dem sich ein Gefühl der Scham einstellt, wenn man nach einem Partner gefragt wird.

Wichtig zu unterscheiden ist es, ob es sich bei dem Gefühl der Scham um eigenen Schmerz handelt oder um die projizierte gerümpfte Nase der anderen. Wer sich nach einer Beziehung sehnt und die schrägen Blicke der anderen jedes Mal wie einen Messerstich empfindet, hat es natürlich nicht leicht. Der eine oder andere kann da leicht in eine Art Vermeidungsmuster fallen: Um doofen Fragen, Blicken oder Sprüchen aus dem Weg zu gehen, werden die gesellschaftlichen Aktivitäten eingeschränkt, die Einladung zur Hochzeit abgesagt oder der Abend allein auf der Couch dem Schritt vor die Tür vorgezogen. Es ist nicht schwer zu erraten, dass dies der Beginn eines Teufelskreises ist. Wer sich nur noch selten im Leben von anderen zeigt, vermindert auch seine Chancen, einen Partner kennenzulernen. Am Besten ist hier wohl die Flucht nach vorn und ein offensiver Umgang mit der Scham: Machen Sie Ihre Gesprächspartner darauf aufmerksam, wie lästig die Fragen nach dem (nicht vorhandenen) Partner sind. Dies lässt sich gut mit einem Augenzwinkern und lächelnd verdrehten Augen machen, die zwar die eigenen Grenzen aufzeigen, den anderen jedoch nicht vor den Kopf stoßen. Auch einen imaginären (Luft-)Partner vorzustellen, dem man demonstrativ den Arm um die Schulter legt, kann Menschen dafür sensibilisieren, wie Ihnen zumute sein muss. Und dass es gerade jetzt umso wichtiger ist, ins Leben zu gehen und aktiv zu sein, versteht sich von allein.

Anders verhält es sich bei Menschen, die eigentlich gern allein sind, Freunde haben und sich nicht einigeln, ihr Leben als reich und lebhaft empfinden und eigentlich gar nichts ändern möchten - diese Menschen sollten ihr Schamgefühl als das Gefühl der anderen erkennen, das sich unerlaubt der eigenen Gefühlswelt bemächtigt hat. Arbeiten Sie in diesem Fall an Ihrem Selbstbewusstsein und machen Sie sich klar, dass Ihnen Ihr Leben gefällt - und nur das allein zählt! Denn mal ganz ehrlich - wofür sollte man sich mehr schämen: Allein aber nach den eigenen Vorstellungen zu leben oder in Ängstlichkeit einen Beziehungsstatus aufrecht zu erhalten, der nicht viel mehr ist, als ein Alibi?

Von Lea-Patricia Kurz
 

 
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