Das Publikum sitzt beim ersten Bier des Tages in kuscheligen Plüschsesseln und stimmt sich mit den lockeren Sprüchen von Cokes und kurzen Akustiksets ausgewählter Festivalbands als Appetizer für die kommende Nacht auf den Abend ein.

Jedem Musikfan und Fernsehzuschauer der 1990er-Jahre ist  Ray Cokes ein Begriff. In der Blütezeit des Musikfernsehens prägten sein Gesicht und sein bissiger Humor die goldene Ära von MTV. Von 1992 bis 1995 moderierte er "MTV’s Most Wanted", eine wegweisende Musik-Sendung, in der damalige Mega-Stars auftraten und in der die gesamte technische Crew mit einbezogen wurde. 2016 war er Mitglied der ersten Jury, die den ANCHOR  - Reeperbahn Festival International Music Award vergab.

 

Ray’s Reeperbahn Revue hat längst Kultstatus. "Das Festival wollte mich erst als Sprecher für einen Vortrag gewinnen, aber da sagte ich: das ist zu seriös für mich, ich bin ein lustiger Vogel, ein Entertainer." So entstand die Idee für eine Revue mit Cokes als Gastgeber. "Die Show ist gemeinsam mit dem Festival gewachsen. Ich habe sie zusammen mit dem Publikum entwickelt", erzählt Ray Cokes. "Erst kamen 80 Leute, heute führt eine Schlange von Wartenden einmal ums Theater." Die Besucher lieben Cokes auch mit fast 60 Jahren noch für seine jugendlich-kluge Moderation und seine Interaktion mit dem Publikum. An jedem Nachmittag holt Cokes eine/n BesucherIn an die Bierzapfanlage auf der Bühne. "Ich stelle damit eine Verbindung zum Publikum her. Ich sage: "Ich lache nicht über Euch, Ihr dürft aber über mich lachen und wir lachen gemeinsam. Es geht darum, Spaß zu haben."

Der Spielbudenplatz, an dem das Schmidt Theater liegt, hat für den Moderator eine doppelte Bedeutung. Denn hier endete seine MTV-Karriere mit einer verpatzten Sendung, bei der die Zuschauer einen Live-Auftritt der Toten Hosen erwarteten, die dann aber nur per Leinwand zugeschaltet wurden. Der Furor der Fans entlud sich auf Cokes, der falsch informiert war. Er verlor in seiner Moderation die Kontrolle. Cokes kündigte bei MTV. Heute findet seine Show nur wenige Meter entfernt statt. "Ich bin in Hamburg genau hier am Spielbudenplatz gestorben und neu geboren worden", sagt Cokes.

Die Entwicklung der Fernsehlandschaft sieht er heute kritisch. "MTV war ein so wichtiges Format in den 1990er-Jahren. Man wartete eine Woche lang auf das neue Madonna-Video. Wir verhandelten Identität, Rassismus, Sexualität. Das war für junge Leute extrem wichtig. MTV hätte das neue iTunes werden können, aber die Macher haben das Programm kommerzialisiert mit Reality-TV-Geschichten und damit war es als Musiksender nicht mehr relevant."

Mittlerweile lebt Ray Cokes überwiegend in Spanien, hat aber bei FluxFM in Berlin eine regelmäßige Radioshow und liebt es, in Deutschland zu arbeiten. Die Musik begleitet ihn natürlich bis heute. "Ich möchte in meine Show nicht drei Singer-Songwriter einladen, die das Publikum dann langweilen. Ich suche mir die Bands immer sehr genau aus und höre mir alle Festivalteilnehmer über Streamingdienste an."  Inzwischen bekommt er viel Post von den verbliebenen Plattenfirmen, die wollen, dass er Ihre Bands einlädt. "Ich bin nicht nostalgisch was Musik angeht. Es gibt so viel wunderbare junge Musiker/innen und man kann sie heute leichter hören als je zuvor."  Noch immer besucht er regelmäßig Konzerte, aber er tanzt dann nicht mehr in der ersten Reihe, sondern steht hinten und genießt sein Bier.

 

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