Wer den Versuch unternimmt, einen von Anna Ternheims zahlreichen Auftritten der letzten Jahre zu beschreiben, hat zwei Möglichkeiten und eine Erkenntnis. Die erste Möglichkeit skizziert das Einsetzen der Streicher mit ihrem dunklen hölzernen Klang, den Beginn des für die Musik der Singer-Songwriterin so signifikanten Gitarrenspiels, die klare, samtene Stimme. Vielleicht auch das warmrote Licht auf der Bühne und die Bekleidung der Schwedin – schwarz, modern, aber nicht modisch, ein Hauch sympathischer Eigenwilligkeit.

Die zweite Möglichkeit versucht den Film in Worte zu fassen, der sich unmittelbar abspult, wenn die Musik der 38-Jährigen Wahl-New-Yorkerin erklingt: Ein Zusammenschnitt aus skandinavischem Nordic Noir, mystischem Märchen und melancholischer Autobiografie. Irdisch und entrückt zugleich.

Beide Möglichkeiten sind nicht falsch und doch treffen sie es nicht ganz. Die Erkenntnis: Auch das Beschreibenswerteste bleibt manchmal unbeschreiblich. Anna Ternheim öffnet gedankliche Schubladen und sperrt sich doch gegenüber jeglicher Kategorisierung. Anlässlich des Nobelpreis-Banketts 2015 interpretiert sie den Backstreet Boys-Hit "Show me the meaning of being lonely" als Reminiszenz an den schwedischen Songwriter Max Martin.

Ein besonderer Auftritt – auch für die bühnenerprobte Sängerin. Seit über zehn Jahren wird Anna Ternheims Musik international gelobt und ausgezeichnet, mehrfach mit dem schwedischen Grammis Award (u.a. New Artist of the Year, 2005). Bei dem Musikwettbewerb ANCHOR, der im Rahmen des Reeperbahn Festival 2016 erstmals ausgetragen wird, steht Ternheim nun auch einmal auf der anderen Seite:  Als Mitglied der Jury kürt sie einen von acht nominierten international aufstrebenden Acts mit der Trophäe ANCHOR, einem Gütesigel für herausragendes künstlerisches Schaffen.

1978 in Stockholm geboren, beginnt Ternheim früh Gitarre zu spielen. Im Alter von zehn Jahren schreibt sie ihre ersten eigenen Songs. Auf die Idee, Musikerin zu werden, denkt die Schwedin vorerst dennoch nicht. Das gilt in ihrem Umfeld nicht als richtiger Beruf. Vielleicht einer der Gründe, warum die Schwedin nun andere Talente ermutigen möchte, den Weg einer internationalen Musikkarriere einzuschlagen.

Wenn Anna Ternheim auf der Bühne steht, mag sie vor allem die Abwechslung zwischen ruhigen und lauten Stücken, zwischen der Intimität in kleinen Clubs und der andächtigen Ruhe in großen Konzerthallen. Beim Reeperbahn Festival 2016 spielt sie am 23. September in der Großen Freiheit 36. Eine gute Gelegenheit, um sich selbst ein Bild von der unbeschreiblichen Atmosphäre ihrer Auftritte zu machen.

Von Lisa Petersen