20.9.2016 | Mit dem ANCHOR findet nun erstmals im Rahmen des Festivals ein Wettbewerb statt, bei dem acht aufstrebende Acts die Chance bekommen, ein Gütesigel für ausgezeichnetes musikalisches Schaffen und Starthilfe für eine internationale Karriere zu erhalten.
Immer mehr gerade junge Frauen definieren die Bedingungen fürs Musikmachen eigenständig neu. Drei von ihnen sind die für den ANCHOR nominierten Künstlerinnen Olivia Sebastianelli, Holly Macve und Konni Kass: Die heute 22-jährige Olivia Sebastianelli aus dem Londoner Stadtteil Croydon schreibt seit sie 14 ist soulige Melodien mit dezentem Grunge-Einfluss und verbindet sie mit politischen Texten. Bereits im Alter von 17 Jahren landete sie einen Plattendeal bei Sony RCA, den sie allerdings schon nach acht Monaten wieder frustriert verließ, als sie merkte, dass man sie dort in eine zweite Katy Perry verwandeln wollte. Seitdem macht sie ihr eigenes Ding – mit Erfolg.

Ebenfalls aus Großbritannien stammt Nominee Holly Macve. Mit seriösen Klavier- und Gitarrenakkorden und einer apart getragenen Stimme erinnert ihr Sound an Rufus Wainwright. Holly Macve stammt aus einer musikalischen Familie in Yorkshire. In ihrer Kindheit hörte sie viel Blues, Country und Jazz. Und so leuchten aus ihrer Musik Spuren von Big Bill Broonzy, Elvis Presley, Johnny Cash oder Billie Holiday heraus. Ihr Debütalbum, das sie mit Paul Gregory (Lanterns On The Lake) einspielte, ist geschafft und wartet nun darauf, von den Hörern live entdeckt zu werden.

Die nominierte Songwriterin und Sängerin Konni Kass kommt von den Färöer Inseln und schickt sich an, die Musikwelt von Kopenhagen aus zu betören. Kraftvolle Stimme, balladeske Sound oder auch gerne mal lauter, poppiger wie in dem Kracher "Sounds". Kass’ Melodien lassen durchaus eine Liebe für starke Soulstimmen erkennen, aber auch einen Hang zu komplexeren Jazz-Arrangements. Auch wenn sie erst zwei Songs veröffentlich hat, klingt das schon jetzt äußerst vielversprechend.

Erfreulicherweise aus der zweiten Reihe getanzt ist der Singer-Songwriter Albin Lee Meldau. Sechs Jahre lang hat der gebürtige Schwede bei der Soul-Band Magnolia alle möglichen Instrumente gespielt und im Background gesungen. Vor einem Jahr hat er sich von der Band getrennt, um seine eigenen Wege zu gehen und sich nicht mehr in das Bandgefüge einpassen zu müssen. Erstaunlich, dass der 28 Jahre alte Sänger und Gitarrist aus Göteborg nicht schon früher eine Solo-Karriere begonnen hat, denn er verfügt über eine einzigartige Stimme, die in ihrer Dunkelheit ein wenig an Jeff Buckley erinnert und, wenn er sich in hohe Tonlagen schraubt, an Antony. Meldau zählt zu den bemerkenswertesten skandinavischen Newcomern in diesem Jahr.

Auch der gerade mal 24 Jahre alte Conner Youngblood aus Dallas mit Wohnsitz in der Country-Metropole Nashville ist ein wahres musikalisches Multitalent – er beherrscht an die 30 bis 40 Instrumente. Eine eindrucksvolle One-Man-Show mit Schlagzeug, Gitarre, Bass, Banjo, Klarinette und Harfe, zu hören auf seiner aktuellen EP "The Generation of Lift". Die Musik Youngbloods wechselt zwischen Folk und Indie, integriert aber auch keltische Musik und Pop-Elemente. Youngblood schreibt Musik zum Zuhören und Wegträumen. Es macht Spaß, mit ihm hinter die Dinge zu blicken.

Aus Australien kann eigentlich nur entspannte Hippie-Musik kommen, die nach Sonne, Wärme, Wind und Meer klingt? Mit diesem Vorurteil räumen die Parcels auf.  Entspannt ist der Gesang des Quintetts aus Australien zwar durchaus, doch die Band aus dem Surferparadies Byron Bay kombiniert einfallsreiche, im psychedelischen Nebel wabernde Synthieflächen mit funkigen Gitarren und sonnig melodiösen Vokalharmonien. Gerade volljährig geworden sind die fünf Freunde dem Ruf und der Anziehungskraft Berlins gefolgt und leben inzwischen in der Hauptstadt. Und der Einfluss des Weltempfängers Berlins dürfte sich auch im Sound bald bemerkbar machen.

Aufs Schönste aus dem Zeitrahmen fällt das Quintett Shame aus dem Süden Londons, das immer mehr Fans hinter sich versammelt, seit sie sich 2014 gegründet haben. Sie bringen rauen Indie-Rock zurück, in ihrer Coolness erinnern sie an die Gang of Four, Veteranen des 80er Jahre New Wave, die in diesem Jahr ebenfalls beim Reeperbahn Festival zu erleben sind. Zur Zeit sind Shame überwiegend im Großraum London unterwegs und spielt dort in vielen kleinen Clubs. Aber die in Großbritannien wichtigen Radiomoderatoren der BBC und die Zeitungsredakteure sind bereits auf Shame aufmerksam geworden. Diese Band sollte man sich merken, heißt es unisono.

Von sanfter Pop-Melancholie durchzogene Clubklänge präsentiert das Kölner Projekt Woman. Die drei jungen Männer, die schon intensiv durch die lebendige Elektro-Szene Kölns getingelt sind, kommen mit funky und zugleich minimaoistischen Elektro-Klängen daher, die sie in aparter Lo-Fi-Manier eigespielt haben. Woman klingt mal nach einer langen, durchtanzten Nacht, mal nach purer Tanzeuphorie, gespickt mit einer Prise Soul, dezenten Techno-Rhythmen und allerlei verwegenen Retro-Gitarren. Unverkennbar hat hier das ehemalige Russkaja-Mitglied Zebo Adam Hand angelegt, der schon den Klang von Bilderbuch veredelt hat. Musik für lange, schwüle Nächte, voll stilvoller Sexyness, die einen auch mal an Orte führt, von denen man gar nicht ahnte, dass sie existieren.