Mitten auf dem Hamburger Kiez, in einer Seitenstraße nahe der Ausgehmeile, liegt in einem Hinterhof das "Gartendeck": eine bunte Oase auf dem Dach einer alten Tiefgarage, vollgestellt mit orangefarbenen Bäcker-Plastikkisten und weißen Reissäcken, in denen Obst, Gemüse und Kräuter wachsen. Neben einem angerosteten Wohnwagen steht ein Holzkasten, in dem Bienen summen. Durch die opaken Wände eines Gewächshäuschens zeichnen sich die Umrisse von Tomaten ab. Der Ort sieht nicht spektakulärer aus als die Gartenabteilung eines Baumarkts. Aber hinter den Radieschen, Stangenbohnen, Zucchini und Endivien steht eine ganz eigene Philosophie. Jeder, der Lust hat, kann hier mitgestalten. Es geht um ein neues Bewusstsein für Grünflächen in der Stadt. Und um die Rückbesinnung auf Formen der Selbstversorgung.
Die Hansestadt hat diesen Ort für drei Jahre Hobbygärtnern zur Verfügung gestellt, die ihre grünen Flächen nun pflegen. Sie zeigen ihren Kindern, wie etwas wächst und dass Gurken nicht eingeschweißt aus dem Supermarkt, sondern aus Mutterboden kommen. Sie düngen ihre Beete mit Pferdemist und Grünschnitt, betten dabei die Erde auf grobem Geäst, sodass sie kompostiert und Nährstoffe für die Pflanzen nachproduziert. In einem ökologischen Kreislaufsystem fangen sie Wasser zum Gießen aus den Dachrinnen der angrenzenden Häuser auf, und alles, was sie ernten, bereiten sie vor Ort zu. Aber was genau treibt die Leute aus ihren Wohnungen auf solche neuen Gemeinschaftsflächen? Warum suchen diese Hobbygärtner nach neuen Wegen für den Eigenanbau? Die Idee stammt aus Berlin. Vor vier Jahren gründeten Robert Shaw und Marco Clausen die gemeinnützige GmbH Nomadisch Grün. Am tristen Moritzplatz in Kreuzberg pachteten sie eine 6000 Quadratmeter große Brachfläche von der Stadt, räumten zwei Tonnen Müll weg und verwandelten sie mit Aberdutzenden mobilen Pflanzbehältern – in die "Prinzessinnengärten". Hier wird nun Gemüse in Bioqualität angebaut. In Kuba erlebte Shaw vor vielen Jahren, wie sich die urbane Gartenkultur praktisch ins Stadtleben integriert hatte und die Bevölkerung sich so teilweise selbst versorgte; noch heute sieht man auf dem Inselstaat Salat-Acker vor Wolkenkratzern oder Gemüsebeete auf Stadtplätzen. Urbane Landwirtschaft gibt es in fast allen Teilen der Welt: Sie dient gerade in Slums und an der Peripherie der Megametropolen zum Überleben, erfüllt aber auch andere Zwecke.