Daniel Cole - der neue Star? Vom Sanitäter zum Bestsellerautor

© Ellis Parrinder
Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein für die jahrelangen Ablehnungsschreiben von Verlagen.

Interview mit Daniel Cole, geführt von den Ullstein Buchverlagen im Februar 2017

 

Warum haben Sie mit dem Schreiben begonnen?

Das hat mit dem Fernsehen zu tun. Englische Krimiserien haben diese typische Nähe zum wahren Leben mit seiner brutalen Düsternis, amerikanische Serien dagegen oft eine unglaubliche Überfülle, die manchmal fast in die Geschmackslosigkeit abdriftet, in Musical-Episoden beispielsweise.

Als ich begann, Drehbücher zu schreiben (eins davon war "Ragdoll"), habe ich nach der perfekten Balance zwischen diesen beiden Polen gesucht. Ich habe mir einfach aus beiden Welten das Beste genommen und versucht, es zusammenzuführen, realitätsnaher Eskapismus sozusagen.

 

Wie fühlt es sich an, der neue angesagte Thriller-Autor zu sein?

Ich habe "Ragdoll" nur für mich selbst geschrieben, mit allem, was mir gefällt, also sehr filmisch, voll schwarzem Humor und hyper-real. Für mich war es damit ein komplettes Nischen-Buch. Nicht in meinen kühnsten Träumen habe ich mir ausgemalt, dass "Ragdoll" weltweit erscheint und von so vielen Leuten gelesen wird.

 

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie einen Buchvertrag in der Tasche haben und "Ragdoll" in über 34 Länder verkauft wurde?

Die letzten Monate waren absolut surreal. Das Beste ist, dass ich, weil "Ragdoll" weltweit so toll aufgenommen wurde, einen Grund hatte, die Geschichte weiterzuerzählen. Jetzt bin ich mit dem zweiten Buch so gut wie fertig und freue mich wahnsinnig. Es ist schön zu wissen, dass es so viele Leute gibt, die genau wie ich unbedingt wissen wollen, wie es weitergeht. Um auf die Frage zurückzukommen: Das Beste, was mir in den letzten Monaten passiert ist, ist, weiterschreiben zu können.

 

Es gibt so viele literarische Genres, warum haben Sie sich entschieden, einen Thriller zu schreiben?

Das Drehbuch, das ich vor Jahren geschrieben hatte, war eben ein Thriller. Ich glaube, "Ragdoll" funktioniert, weil sich auch andere Genres immer wieder in die Geschichte schleichen. Momentan konzentriere ich mich auf Thriller, aber wer weiß, vielleicht probiere ich irgendwann mal was ganz anderes aus.

 

Daniel Coles »Ragdoll« als Hörbuch, gelesen von Wolfram Koch.

Wie sahen Ihre Recherchen für "Ragdoll" aus?

"Ragdoll" ist kein klassischer Kriminalroman. Es ist hyper-real, eskapistisch, Unterhaltung. Natürlich musste ich ein bisschen Recherche betreiben, damit der Roman eine gewisse Basis hat, aber ich habe mich da ehrlich gesagt so schnell wie möglich durchgeschummelt, um mich wieder aufregenderen Dingen wie der Figurenentwicklung oder dem Humor zu widmen. Aber ja, die Hauptorte im Buch habe ich natürlich recherchiert. Dafür bin ich extrem viel durch London gelaufen.

 

Wie planen Sie Ihren Plot?

Ich beginne immer mit einem packenden Anfang und einem schockierenden Ende und entwickele dann von diesen beiden Seiten her die Geschichte. Ich weiß nicht, wie das andere Autoren machen, aber bei mir ändert sich während des Schreibens immer so viel, dass es sinnlos wäre, den Plot im Vorhinein genau zu planen. "Ragdoll" ist eine recht komplizierte und verflochtene Geschichte – ich frage mich heute selbst, wie ich da alle losen Enden miteinander verbunden bekommen habe. Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein für die jahrelangen Ablehnungsschreiben von Verlagen. Ich hatte so sehr viel Zeit, über die Story nachzudenken.

 

Hat Sie ihre Arbeit als Rettungssanitäter beim Schreiben beeinflusst?

Ein gewisses Maß an medizinischem Wissen war schon hilfreich bei einigen der härteren Szenen. Vor allem aber härtet einen die Arbeit als Rettungssanitäter ab. Der schwarze Humor, der eigentlich allen Rettungssanitätern eigen ist, hat definitiv den Ton meines Buches beeinflusst.

 

 Haben Sie einen speziellen Soundtrack, den Sie beim Schreiben hören?

Musik ist meine große Leidenschaft. Ich habe einen sehr vielseitigen Geschmack. Einige Szenen von "Ragdoll" habe ich mit ganz bestimmten Songs im Ohr geschrieben. Es ist auch immer abhängig von meiner Stimmung – manchmal brauche ich zum Schreiben absolute Ruhe, manchmal klassische Musik im Hintergrund. Komischerweise hilft mir manchmal auch ohrenbetäubende, lärmende Musik, um mich auf den Plot zu konzentrieren.

 

Ihr Erfolg scheint wie eine klassische Aschenputtel-Story. Was ist Ihr Rat für diejenigen, die auch eine Geschichte in der Schublade haben?

Wie schon gesagt, für Außenstehende scheint "Ragdoll" ein Übernacht-Erfolg zu sein, für mich ist es das nicht. Ich habe jetzt das große Glück, weiterschreiben zu können, also das zu machen, was ich liebe, aber dem allen sind sechs Jahre Scheitern und Ablehnungsschreiben vorangegangen. Es war definitiv nicht einfach.

Was kann ich also raten? Bleib dran, ich denke, das ist der beste Rat, den ich geben kann. Nichts, woran du jemals gearbeitet hast, ist sinnlos. Ich dachte schon vor Jahren, "Ragdoll" sei tot und begraben. Einer der Charaktere aus meinem zweiten Buch ist aus einem Drehbuch, das ich mal geschrieben habe. Irgendwie passte er jetzt perfekt in den Roman. Die Absagen, so bitter sie sind, geben uns einen Grund, immer wieder die besten Teile zu nehmen und daraus etwas noch Besseres zu machen.

 

Was sagen Ihre Familie und Freunde über Ihr neues Leben?

Viele Leute sagen immer, dass sie ein Buch schreiben wollen, tun es dann aber nie. Deshalb habe ich nur meiner Familie erzählt, dass ich an "Ragdoll" arbeite. Jetzt wissen es natürlich alle und waren gelinde gesagt sehr überrascht. Meine Familie hat mich sehr unterstützt und sich sehr mit mir gefreut, dass sich all die harte Arbeit ausgezahlt hat.

 

Was planen Sie als nächstes?

Das zweite Buch ist fast fertig. Es wird noch viel dunkler und schockierender als mein erstes Buch.  Außerdem habe ich gerade das Drehbuch für die Serienumsetzung von "Ragdoll" gelesen. Ich finde es großartig und bin froh, dass ein hochtalentiertes TV-Team daran arbeitet. Die nächsten Monate werde ich außerdem viel reisen, um überall, wo Leute es hören wollen, über "Ragdoll" zu sprechen. Währenddessen hoffe ich, auch ein bisschen zum Schreiben meines dritten Buchs zu kommen.