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Leseprobe John le Carré – Das Vermächtnis der Spione

Das geniale Finale der Welterfolge "Der Spion, der aus der Kälte kam" und "Dame, König, As, Spion"

"Der Spion, der aus der Kälte kam" begründete John le Carrés Weltruhm. "Das Vermächtnis der Spione" ist das große Finale der George Smiley-Serie und der ultimative Roman über heutige Demokratien und die dunklen Seiten ihrer Geheimdienste.


"... Mein Bauernhof bei Les Deux Églises
besteht aus einem unbedeutenden,
aus Granit errichteten
kantigen Landhaus aus dem 19. Jahrhundert,

einer baufälligen Scheune mit einem Steinkreuz auf dem Giebel, Resten von Befestigungsanlagen aus lang vergessenen Kriegen, einem uralten Steinbrunnen, der stillgelegt ist, früher, vor der Besatzung der Nazis, aber von den Widerstandskämpfern als Versteck für Waffen genutzt wurde, einem ebenso alten Backhaus, einer in die Jahre gekommenen, nicht mehr betriebenen Cidrepresse und fünfzig Hektar mittelmäßigem Weideland, das zu den Klippen und der Meeresküste hinunterreicht. Der Hof befindet sich seit vier Generationen im Besitz der Familie. Ich bin die fünfte. Er ist weder nobel noch profitabel. Schaue ich aus dem Wohnzimmerfenster, dann erhebt sich zu meiner Rechten der knorrige Turm einer Kirche aus dem 19. Jahrhundert; zu meiner Linken eine weiße, strohgedeckte allein stehende Kapelle. Diese Bauwerke haben dem dazwischen liegenden Dorf seinen Namen verliehen. In Les Deux Églises sind wir, wie in der gesamten Bretagne, katholisch oder nichts. Ich bin nichts.

Um unseren Hof von Lorient aus zu erreichen, fahren Sie erst etwa eine halbe Stunde die südliche Küstenstraße entlang, die im Winter von dürren Pappeln gesäumt ist, unterwegs kommen Sie an Überresten von Hitlers Atlantikwall vorbei, die nicht beseitigt werden können und nach einer Weile ein neuzeitliches Stonehenge erinnern. Nach etwa dreißig Kilometern sollten Sie Ausschau nach einer vollmundig Odyssée genannten Pizzeria halten; kurz danach liegt auf der rechten Seite ein stinkender Schrottplatz, auf dem der fehlgenannte Honoré, ein vagabundierender Trunkenbold, den zu meiden mich meine Mutter stets anhielt, in der Gegend auch bekannt als der Giftzwerg, Krimskrams verscherbelt, alte Autoreifen und Pferdemist. Wenn sie auf ein verbeultes Schild mit der Aufschrift Delassus stoßen, so der Name der Familie meiner Mutter, biegen Sie auf eine mit Schlaglöchern übersäte Fahrspur ab und bremsen am besten stark, wenn Sie die Löcher überqueren, oder Sie machen es wie Monsieur Denis, der Postbote, der Vollgas gibt und geschickt um sie herumkurvt. Dies tat er auch an jenem sonnigen Vormittag im Frühherbst, zur Empörung der Hühner auf dem Hof und der erhabenen Missachtung durch Amoureuse, meiner geliebten Irish-Setter-Hündin, die viel zu sehr damit beschäftigt war, ihren neuesten Wurf zu putzen, als banalen menschlichen Angelegenheiten ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Vom ersten Augenblick an, als Monsieur Denis - alias le Général, dank seiner Körpergröße und der angeblichen Ähnlichkeit mit Präsident de Gaulle - sich aus seinem gelben Lieferwagen geschlängelt hatte und die Vorderstufen hinaufkam, wusste ich, dass der Brief, den er in seiner dürren Hand hielt, vom Circus stammte.

Zunächst beunruhigte mich das nicht; ich fand es sogar ganz amüsant. Es gibt ein paar Dinge beim britischen Geheimdienst, die sich wohl nie ändern. Eins davon ist die übertriebene Sorge um die Art von Briefpapier, die man zur öffentlichen Korrespondenz verwendet. Es darf nicht zu offiziell oder formell wirken: Das wäre schlecht für die Tarnung. Der Umschlag darf nicht durchscheinen, ist also vorzugsweise gefüttert. Standardweiß ist zu auffällig; also leicht eingefärbt, aber nichts, was einen amourösen Hintergrund andeuten könnte. Ein schwaches Blau, ein helles Grau, beides ist erlaubt. Dieser Umschlag hier war blassgrau.