Ludwig* , 31, arbeitete zum Zeitpunkt dieses Gesprächs bereits vier Jahre freiberuflich für Startup-Firmen, die neue Mitarbeiter suchen.

Ehrlich gesagt versuche ich nicht immer, objektiv zu sein. Wenn mir ein Kandidat total unsympathisch ist, lehne ich ihn vielleicht ab, auch wenn er für die Stelle gepasst hätte. Dann rede ich mir ein, dass er sowieso nicht für die Firma geeignet gewesen wäre. Obwohl ich ihn vielleicht einfach nicht mag und ihm deswegen keine Chance geben will. Wahrscheinlich ist das nicht so, wie man es eigentlich machen sollte. Andererseits denke ich, dass einer, den ich überhaupt nicht mag, bei den Arbeitskollegen wahrscheinlich auch nicht gut ankommen würde.

Wenn Firmen mich beauftragen, passende Mitarbeiter für sie zu finden, führe ich mit den Kandidaten Skype-Interviews. Dabei muss ich nicht nur herausfinden, was die Leute für Qualifikationen haben, sondern auch, was sie für Menschen sind, was hinter der Fassade steckt. Das mache ich, um zu verstehen, ob sie zu der Firma passen, für die ich suche. Dafür muss ich sie aus dem Konzept bringen. Es ist interessant zu sehen, wie die Bewerber reagieren, wenn sie gerade routiniert ihren Lebenslauf erzählen und dann eine überraschende Frage kommt. 

"Was wollten Sie als Kind werden?"

Ich frage zum Beispiel, was ihr schlimmster Arbeitstag war und wie sie damit umgegangen sind. Oder ich frage sie zwei Fragen auf einmal – "Worauf legst du bei deiner Arbeit am meisten Wert und was wolltest du als Kind werden?" – und schaue dann, ob sie beides beantworten, ob sie von einem Thema zum anderen springen können oder ob sie eine Frage vergessen.

Manche Interviewpartner ziehen sich extra einen Anzug für das Skype-Interview an, um einen guten Eindruck zu machen, achten aber überhaupt nicht drauf, vor welchem Hintergrund sie sitzen, zum Beispiel vor einem total vermüllten Zimmer.  Oder vor gruseligen grünen Tapeten mit Hirschgeweihen und ausgestopften Wildtieren. Andere wiederum stellen extra beeindruckende Bücher ins Regal hinter sich, damit ich denke: "Oh, der liest gerade etwas über Extreme Programming! Toller Typ."

Ich selbst habe auch Fehler gemacht

Ich selbst habe aber auch schon lustige Fehler gemacht. Einmal habe ich einen Kandidaten in Russland anrufen wollen, aber seinen Namen bei Skype falsch angegeben. Erst mal habe ich mich gewundert, dass der Mann so schlecht Englisch konnte. Er schien aber sehr an dem Job interessiert. Nach einer Weile stellte sich heraus, dass ich einen 15-jährigen Ukrainer am anderen Ende der Leitung hatte.

Vor ein paar Jahren haben Berliner Startups noch sehr versucht, Silicon-Valley-Firmen eins zu eins nachzumachen. Das hatte oft lächerliche Ergebnisse. Es wurden Zitate von Steve Jobs und Gandhi an die Wände gemalt, externe Coaches eingeflogen und diese typischen Teamevents organisiert, bei denen sich die Leute durch die Wildnis jagen oder von der Tischkante in die Arme der Kollegen fallen lassen. Das ist mittlerweile weniger geworden, aber Fremdscham ist schon Teil meines Berufs. Was sicher auch daran liegt, dass ich so viel von der Branche und den Menschen darin sehe. Da merkt man schnell, wie sich bestimmte Muster wiederholen, wie die Leute versuchen, sich darzustellen und wie schief das oft geht.

"Der Kandidat hat es geschafft, sich gleichzeitig selbst zu beweihräuchern und nichts über sein Leben auszusagen."

Allein die Bewerbungen, die manche schicken! Ich reagiere schon fast allergisch auf Worte wie "Hands-on", "Go-Getter" und "Teamplayer". Besonders die Amerikaner werfen gerne mit solchen Phrasen um sich. Oder die Leute versuchen, sich als die perfekten Startup-Mitarbeiter darzustellen, die alles können, nach dem Job noch mit den Kollegen Bier trinken gehen und nie Freizeit brauchen. Manche schreiben auch nur: "Hiermit bewerbe ich mich bei ihrer Firma." Man weiß aber nicht, wofür. 

Gerade bei den jüngeren Software-Typen gibt es außerdem das Phänomen, dass sie mit total überzogenen Forderungen kommen. Die wissen, dass ihr Job der am meisten nachgefragte ist und denken, sie könnten ganz viel Geld verlangen, auch wenn sie erst seit einem Jahr aus der Uni raus sind. Der extremste Fall war ein Kandidat, der eine Bewerbung mit sechs eng beschriebenen Seiten geschickt hat, in deren Mitte extra hervorgehoben seine Gehaltsforderung stand: 400.000 Euro pro Jahr plus sämtliche Benefits – nicht verhandelbar! 

Die Leute müssen die Fragen beantworten

Gleichzeitig meinte er, dass er nicht in die Details gehen müsse, was seine Qualifikationen betrifft. Der Text war ein zerstückelter wirrer Gedankenstrom, wo diverse Themen angeschnitten, aber nichts zu Ende geführt wurde. Der Kandidat hat es geschafft, sich gleichzeitig selbst zu beweihräuchern und nichts über sein Leben auszusagen. Er wurde dann abgelehnt.

Manchmal, wenn ich privat mit Menschen rede, merke ich, dass ich jetzt tiefere Gespräche führe. Weil ich mir wegen meines Jobs auch mehr Gedanken darüber mache. Zum Beispiel darüber, was für Auswirkungen es hat, wenn ich eine Frage stelle. Natürlich ist ein Gespräch auf einer Party anders als eine Jobsituation. Bei Letzterer bin ich ja in einer Machtposition und sitze am längeren Hebel, die Leute müssen die Fragen beantworten. Aber ich weiß: Wenn man hinter die Fassade eines Menschen kommen will, ist es immer gut, sie nach Ereignissen aus der Vergangenheit zu fragen. Es ist schwieriger, sich etwas auszudenken, wenn man sich zurückerinnert.

*Ludwig heißt eigentlich anders. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt. Der Text ist erstmals beim Online-Magazin Krautreporter erschienen und ist Teil der Serie Was ich wirklich denke von Theresa Bäuerlein.