Das Großraumbüro hat meine Träume schrumpfen lassen wie einen zu heiß gewaschenen Pullover. Hinter meinem Monitor stellte ich mir das Paradies nicht mehr vor wie einen wohltemperierten Strand. Mir würde es schon reichen, die Heizung selbst einstellen zu können. Und im Winter nie mehr vor Sonnenaufgang in die überfüllte U8 zu steigen. Das, und ab und zu ein Mittagsschläfchen. Mehr brauchte ich nicht zum Arbeitsglück, dachte ich.

Ich habe meinen ersten Vollzeitjob gemocht. Das, worüber viele Arbeitnehmer klagen – Chefs, Konferenzen, Kollegen – fand ich ganz gut. Aber der Gedanke daran, Montagfrüh meine Couch und löchrige Jogginghose gegen Bürostuhl und gesellschaftlich akzeptiertes Outfit tauschen zu müssen, bescherte mir jeden Sonntag einen satten Arbeitsblues. Als ich anfing, wieder selbstständig zu arbeiten, war klar: nie wieder Office. Ich wollte, was sich jeder dritte Deutsche wünscht: von zu Hause aus arbeiten. Ich wollte selbst entscheiden, ob das Fenster auf oder zu bleibt und was (und ob überhaupt etwas) ich heute trage. Ich wollte nie wieder pendeln. Und endlich Morgensex!

Was die Work-Life-Balance angeht, dachte ich, dass ich durch Homeoffice drei Stunden Leben gewinnen würde. Immerhin sparte ich anderthalb Stunden Hin- und Rückweg, plus einen Großteil der Meetings, plus das ganze Zeug, das man morgens machen muss – Haare kämmen, sich zur Smalltalkfähigkeit koffeinieren –, um ein bürotauglicher Mensch zu sein. Und wenn der Elektriker kommt, musste ich nicht mehr gleich einen Tag Urlaub nehmen.

"Ich snoozte morgens viel und sah zum ersten Mal seit Jahren einen lebendigen Postboten."

Menschen, die zu Hause arbeiten, sollen glücklicher sein und mehr schaffen als im Büro. Ich habe von einem Experiment der Stanford University gelesen, für das Callcenter-Mitarbeiter beobachtet wurden. Die, die zu Hause arbeiteten, verbrachten neun Prozent mehr Zeit mit ihrer Aufgabe und machten vier Prozent mehr Anrufe als die Kollegen im Büro. Klingt wenig, aber wenn ich dafür auch noch später aufstehen durfte und nicht mehr unter der Achsel eines Fremden in der U-Bahn wach werden musste, schien es ein super Deal.

So ein Gefühl von Freiheit

Die ersten zwei Wochen waren tatsächlich ein Paradies. Ich snoozte morgens viel und frühstückte eine Stunde lang. Ich sah zum ersten Mal seit Jahren einen lebendigen Postboten. Kein verstohlener Schulterblick auf Kollegen nötig, bevor man abseitige Mops-Videos auf YouTube guckt. Der Supermarkt vormittags – menschenleer. Zum Mittagessen nagte ich an einem Stück Käse direkt aus der Packung wie eine Riesenmaus. Im Bett. Neben meinem Laptop. Es gab ja jetzt eine sozialen Erwartungen mehr, wie ein Lunch aussehen soll. Dass ich wegen Supermarkt und Nickerchen meinen Arbeitstag eher um 22 Uhr als um geplante 19 Uhr beendete –  geschenkt. So ein Gefühl von Freiheit hatte ich das letzte Mal in den Sommerferien während meiner Grundschulzeit.

Warum macht das eigentlich nicht jeder, dessen Job das zulässt? Klar, nicht alle sind selbstständig und brauchen für ihre Arbeit nur einen Laptop. Homeoffice ist auch Luxus: Der Postbote, über den ich mich so freute, kann nicht in seiner Wohnung Briefe austragen. Aber Karl Brenke vom DIW hat herausgefunden, dass zwei von fünf Arbeitnehmern in Deutschland  zumindest gelegentlich von zu Hause aus arbeiten könnten. Momentan mache das aber nur jede jeder Achte in Deutschland – viel weniger als in den meisten anderen Ländern in Westeuropa.

Das liegt hauptsächlich daran, schreibt Brenke, dass die meisten Arbeitgeber ihre Leute nicht zu Hause arbeiten lassen. Brenke erklärt das so: Die Firmen hielten es für  komplizierter, die Leistung ihrer Mitarbeiters zu erfassen, als ihre Anwesenheit zu überprüfen. Und sie fürchteten, dass sich die Mitarbeiter sich nicht mehr untereinander austauschten.

Beide Gründe fand ich fragwürdig:  Jeder, der mal in einem Büro gearbeitet hat, weiß: Nur weil jemand die vorgesehene Anzahl von Stunden seinen Hintern auf dem Drehstuhl hält, heißt das noch lange nicht, dass er in dieser Zeit auch produktiv war. Und im Großraumbüro organisiert und witzelt man sowieso meist per E-Mail und Chat, damit man niemanden mit Lautstärke nervt.