In Betrieben gilt er wenig, obwohl er in der Mehrheit ist. Dem soliden Mitarbeiter wird keine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Er wird als anwesend vorausgesetzt, weil Anwesenheit seine herausragende Eigenschaft ist. Der solide Mitarbeiter fehlt nie. Er ist immer da. Da er um sein Dasein kein Trara macht, würde seine Abwesenheit möglicherweise auch gar nicht bemerkt.

Sein Nichtbesonderes, das sich im unauffälligen Voranbringen des Ganzen zum Nichtzählen steigern kann, ist seine Tragik. Ein Betrieb braucht einen Super-Chef, der das eigene Können genussvoll zelebriert. Ein Betrieb braucht Genies, die gelegentlich hereinschauen, um unter widrigen Umständen Ideen zu zünden. Ein Betrieb braucht junge Berater, die den alten Säcken mal zeigen, was eine Einsparungsharke ist. Solide Mitarbeiter braucht der Betrieb eigentlich nicht, denn die hat er ja reichlich. Vielleicht sogar zu reichlich?

Dass der solide Mitarbeiter nicht allein ist, sondern zwischen vielen anderen soliden Mitarbeitern verschwindet, in ihrer Masse gewissermaßen unsichtbar wird, steigert seine Angst vor Entlassung. Wer nichts zeigt, von dem trennt man sich gern. Das weiß der solide Mitarbeiter. Was er nicht ahnt: Wie kann man es auf jemanden absehen, den man nicht sehen kann?

Unter diesem Aspekt betrachtet, ist seine paradoxe Gegenstrategie die einzig erfolgversprechende: Der solide Mitarbeiter versucht, noch solider zu sein als solide, ultrasolide, weil er insgeheim darauf pocht, dass seine unmerkliche Anwesenheit und sein stilles Genügen an höherer Stelle letztlich doch goutiert werden.

Und das geschieht ja auch. Weil der solide Mitarbeiter jahrzehntelang pünktlich da war, wird ihm auch pünktlich gedankt, denn Jubiläen wirft der Computer der Personalabteilung so zuverlässig aus wie den Tag des Renteneintritts. Dann gibt es einen Blumenstrauß und den goldenen Satz: "Sie waren immer da!"

Immer da gewesen zu sein, ohne je außer sich gewesen zu sein: Darauf ist der solide Mitarbeiter stolz. Contenance ist sein Credo. Er gibt sich keine Blöße. Soll niemand sagen, er habe das, was zu tun war, nicht getan. Er tut es, Tag für Tag, mit über die Jahre sorgsam austarierten Bewegungen. Der solide Mitarbeiter rennt nicht, er flennt nicht, er bewahrt unter allen Umständen das Gleichmaß. Schichtbeginn ist Schichtbeginn, Pause ist Pause, Feierabend ist Feierabend. Der Status Quo stimuliert ihn mehr als jedes Soll.