ZEIT ONLINE: Herr Stegbauer, ich habe Ihren Namen gegoogelt und Ihnen dann eine Mail mit meiner Interviewanfrage geschrieben. Habe ich jetzt schon genetzwerkt?

Christian Stegbauer:
Ja, wir haben eine Verbindung aufgebaut. In der Netzwerkforschung pflegen wir einen formalen Netzwerk-Begriff. Wir sprechen von Knoten und Kanten. Wenn ich versuche das zu übertragen, waren wir zwei beziehungslose Knoten. Dann habe ich Ihre Mail im Posteingang gelesen und geantwortet. Damit haben wir eine Kante zwischen unseren beiden Knoten hergestellt. Das ist der erste Schritt beim Netzwerken.

ZEIT ONLINE: Fast jede dritte Stelle in Deutschland wird über Bekannte vergeben, zu dem Ergebnis kam kürzlich eine Studie des Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Angenommen, ich möchte einen neuen Job finden, was bringt mir mehr: Ein LinkedIn-Profil mit meinem Lebenslauf anzulegen oder mich spät abends auf eine Firmenfeier einzuschleichen?

Stegbauer: Auf einer Firmenfeier mit Fremden Schnaps zu trinken, ist vermutlich hilfreicher. In den Siebzigerjahren hat der Netzwerkforscher Mark Granovetter das Buch Getting a Job: A Study of Contacts and Careers geschrieben. Er hat untersucht, wie Elektronikingenieure in Boston an neue Jobs kommen. Die Erkenntnis: Die Leute, mit denen man eng befreundet ist, helfen einem nicht weiter. Aber Bekannte, die man ab und an auf einen Kaffee trifft, verschaffen einem Zugang zu einem riesigen Netzwerk. So bekommt man Informationen, an die man sonst nicht kommen würde. Das liegt daran, dass Freunde meistens ähnliche Kontakte und ähnliches Wissen haben.

ZEIT ONLINE: Lohnt es sich trotzdem, ein LinkedIn oder Xing-Profil zu pflegen?

Stegbauer: Dazu kann ich nur raten. In meinem Bekanntenkreis bekommen Leute immer wieder Angebote von Unternehmen über die Plattformen. Auch Personalagenturen durchforsten die Onlinenetzwerke.

ZEIT ONLINE: Viele Leute posten in brancheninternen Facebook-Gruppen oder diskutieren in Internetforen. Wo erfahre ich heute eher von einer freien Stelle: auf Facebook oder bei einem Branchen-Event?

Stegbauer: In den Facebook-Gruppen schreiben meistens dieselben Leute, die auch zu den Events gehen. In den Gruppen lernt man Leute besser kennen. Wenn sie sich einmischen und Beiträge kommentieren, kann man ihre Kompetenz abschätzen.