Jan Spierling keucht, Schweiß perlt auf seiner Stirn, wieder und wieder zieht der junge Mann mit blonden Haaren und Kinnbart an einem blauen Theraband, das an einer Laterne festgeknotet ist. "Komm, durchhalten, gib alles", feuert sein Trainer ihn an, ein muskulöser Kerl mit schwarzem Haarband. Noch drei Mal schafft es Spierling, das Band näher zum Körper zu ziehen – dann erlöst ihn die Stoppuhr.

Spierling müsste sich dieses Bootcamp genannte Zirkeltraining nicht antun, er macht das freiwillig. Der 28-Jährige arbeitet beim Medizintechnikunternehmen Medtronic in Meerbusch am Niederrhein und beschäftigt sich damit, wie medizinische Produkte bei Krankenkassen abgerechnet werden. Einmal in der Woche trifft er sich mit acht Kollegen zum Sport im Park neben dem Firmengelände. Den Trainer hat seine Firma organisiert und einen Großteil der Kosten übernommen. Für Spierling ist das auch ein Grund, aus dem er gerne für Medtronic arbeitet: "Ich finde es gut, dass mein Arbeitgeber mir solche Möglichkeiten bietet."

Gute Bewerber können sich den Job aussuchen

Bootcamps im Park, freie Wahl der Urlaubstage wie bei der Hamburger Digitalagentur Elbdudler, gemeinsamer Firmenurlaub wie beim Berliner IT-Unternehmen Adjust oder eine Viertagewoche wie beim Start-up Bike Citizens: Unternehmen lassen sich viel einfallen, um gute Mitarbeiter zu finden und an sich zu binden. Das zeigt sich schon beim Berufseinstieg: "Früher boten Unternehmen Ausbildungsstellen an und wählte aus vielen Bewerbern die passenden aus", sagt Ina Weirich von der Arbeitsagentur Düsseldorf. Heute sei es oft umgekehrt, Unternehmen würben um junge Ausbildungssuchende: "Gute Bewerber können sich ihren Ausbildungsplatz aussuchen."

Im Beratungszimmer der Sachbearbeiterin sitzen immer wieder Berufseinsteiger, die nicht irgendeinen Job wollen. Viele von ihnen finden ein ordentliches Gehalt, Diensthandy und Dienstwagen selbstverständlich. Richtig interessant wird ein Arbeitgeber für sie erst, wenn es auch ein gutes Arbeitsklima und Weiterbildungen gibt.

Für diese Entwicklung gibt es vor allem zwei Gründe: einen kurz- und einen langfristigen. Der kurzfristige Grund ist die gute Konjunktur in Deutschland, die Unternehmen dazu bewegt, mehr und mehr Stellen zu schaffen. Der langfristige Trend ist die demografische Entwicklung. Bis 2040 könnten in Deutschland rund 3,3 Millionen Fachkräfte fehlen, schätzt das Beratungsunternehmen Prognos. Andere Arbeitsmarktexperten halten diese Zahlen für zu hoch gegriffen, aber über die grundsätzliche Entwicklung besteht Einigkeit.

Neue Mitarbeiter zu suchen dauert deshalb länger als früher. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mussten deutsche Unternehmen im Jahr 2010 im Schnitt noch 70 Tage suchen, um eine Stelle neu zu besetzen. Inzwischen sind es 82 Tage. Aufseiten der Berufstätigen profitieren Akademiker am stärksten vom Fachkräftemangel: Vergangenes Jahr waren in Deutschland nur 2,6 Prozent von ihnen arbeitslos gemeldet. Zwar gebe es von Branche zu Branche und von Region zu Region Unterschiede, sagt IAB-Forscher Alexander Kubis. So seien Elektroingenieure deutlich stärker gefragt als Bauingenieure, und in Städten gebe es mehr Jobs als in ländlichen Gegenden. Grundsätzlich aber gelte: "Es werden zwar nicht alle Akademiker in ihrem Traumberuf arbeiten, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die allermeisten arbeiten und das mit recht guten Konditionen."

Obst, Kaffee und Weiterbildung

So wie Jan Spierling. Seine Firma sitzt in einem modernen Gebäude mit großen Fenstern, Kickerraum und Sofaecken. Spierlings Schreibtisch steht in einem Großraumbüro, sodass er sich schnell mit den Kollegen austauschen kann: "Montags wird auch vom Wochenende erzählt." Wenn er mal Ruhe braucht oder telefonieren muss, setzt er sich in einen der Rückzugsräume oder in die bunt eingerichtete Firmenküche, wo frisches Obst, Kaffee und Wasser bereitstehen. Wann Spierling morgens kommt und abends nach Hause geht, kann er selbst entscheiden; Hauptsache, er arbeitet im Schnitt 40 Stunden pro Woche. "Besonders gut finde ich auch, dass ich regelmäßig Weiterbildungen besuchen kann", sagt er. Dazu müsse er seinem Chef nur vorab kurz Bescheid sagen.