Woran krankt dieses Land? Es sind nicht primär die hohe Steuerlast oder der Gender Pay Gap. Sondern der Glaube an die Patentlösung. Kreativität und Innovation brauchen Freiraum und Flexibilität statt Präsenzkultur und hierarchische Strukturen.

Wer zum Beispiel Wirtschaft studiert, lernt an der Uni viele Modelle von gestern kennen, die sich angeblich in die Zukunft projizieren lassen: Standardrezepte für Wachstum und Krise, Management nach Plan, Budget und Leistungskennzahlen. Was dabei unter den Tisch fällt: In der Welt der Wirtschaft ist in vergangenen Jahrzehnten kein Stein auf dem anderen geblieben.

In den 1990er-Jahren fing es an. Der Wandel wurde zum ständigen Begleiter, war nicht mehr die episodische, durch Lagerhaltung und Notaggregate beherrschbare Ausnahme. Fusionen und Übernahmen kamen, strategisches Supplier-Management, Outsourcing, Offshoring, Leih- und Zeitarbeit – sozusagen die "atmende Unternehmung". Heute ist der Wandel zunehmend disruptiv. Er wälzt Märkte um samt ihren ehemals ehernen Gesetzmäßigkeiten und erschüttert Branchen, Geschäftsmodelle und Wirtschaftskulturen. 

Das E-Book hat das Verlagsgeschäft auf den Kopf gestellt. Die Musikindustrie verliert gegen iTunes und Spotify. Die Energiewende trifft E.ON, RWE und EnBW ins Mark. Und im Automobilbau konkurrieren die deutschen Hersteller nicht mehr miteinander, sondern mit Google, Tesla, Apple und chinesischen Elektroautoherstellern. Aber ich will nicht über die Ursachen reden, über Globalisierung, Digitalisierung und neues Unternehmertum, sondern über die Konsequenzen für die Arbeitswelten.

Talente fordern Souveränität über ihre Arbeitszeit

Der Arbeitsmarkt ist heute nicht mehr lokal begrenzt, Karrieren sind keine Monokulturen mehr. Das gilt zwar nicht für den Mitarbeiter am Fließband und die Kassiererin im Großmarkt. Aber Designer, Marketingprofis oder IT-Fachleute sind nicht mehr darauf angewiesen, in ihrer Heimat Arbeit zu finden. Sie können sich in Kalifornien anstellen lassen oder für ein chinesisches Unternehmen vom heimischen Computer aus arbeiten. Ein autokratischer Führungsstil funktioniert immer weniger – zumindest in der Wissens- und Kreativarbeit. Talente fordern heute nicht nur Teilhabe und partizipatorische Entscheidungsprozesse, sondern auch Souveränität über Arbeitszeit und Arbeitsort. Nicht zuletzt als Antwort auf das Dogma ständiger Erreichbarkeit.

Ich habe das bei Continental erlebt. Als Personalvorstand war ich mit einem vor Jahren noch ungewöhnlichen Wunsch von Ingenieuren im Entwicklungszentrum in Markdorf am Bodensee konfrontiert. Zum Mittagessen wollten sie nach Hause, danach bei gutem Wetter nachmittags segeln und nach dem Abendessen bis spät abends zu Hause am Computer arbeiten. Ich habe damals gestutzt, das Experiment der Vertrauensarbeitszeit jedoch gefördert. Und die Arbeitsergebnisse haben mir schnell recht gegeben – zum Missfallen der Gewerkschaft. 

Thomas Sattelberger ist ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom AG und der Continental AG. Er kandidiert für die FDP im Wahlkreis München-Süd. © Wolfgang Maria Weber

Wir brauchen eine experimentelle Führungskultur

Unternehmen müssen umdenken. Innovation 4.0 und Arbeitswelt 4.0 hängen untrennbar zusammen. Was wir jetzt brauchen, ist eine experimentelle Führungskultur, die nicht davor zurückschreckt, mehr Freiheit zu gewähren. Leider erleben wir vor allem in der Arbeitspolitik der bisherigen Bundesregierung das glatte Gegenteil.

Damit das klar ist: Wer auf der Baustelle, im Supermarkt oder am Fließband tätig ist, soll weder Schutzrechte verlieren noch durch die Hintertür länger arbeiten. Aber wer der Wissens- und Kreativarbeit das Korsett sogenannter industrieller Normalarbeit anlegt, schneidet sich in der Ära der Digitalisierung ins eigene Fleisch. Und zwar egal, ob es um Freiraum für digitale Wissensarbeit im Arbeitszeitgesetz geht oder um Diskriminierung selbstbewusster IT-Freelancer als Scheinselbstständige.

Das ist Gift für unsere Arbeitswelt. Zwei Beispiele: Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die New Yorker Twin Towers einschlugen, war ich Operationsvorstand bei Lufthansa Passage und verantwortlich für mehr als 20.000 Mitarbeiter. Die Nachfrage im Luftverkehr brach schlagartig um fast ein Drittel ein. Wir haben das ohne Entlassungen durchgestanden – dank Leih- und Zeitarbeit, Saisonarbeit, befristeter Beschäftigung und rund 140 flexiblen Arbeitszeitmodellen.