Sogar die 30 Minuten vor der Arbeit hat Hotelchef Sebastian Schmidt optimiert: Um sieben Uhr morgens fährt der 51-Jährige mit Helm, neongelber Regenjacke und schwarzer Fahrradhose auf seinem schwarzen Elektrofahrrad an grünen Feldern und verschlafenen Kühen vorbei. Am Horizont leuchten die Hafenkräne von Bremerhaven. "Das ist kein E-Bike wie für Rentner", erklärt Schmidt. Es sei ein Pedelec, der Motor unterstütze nur dann, wenn der Fahrer in die Pedale trete.

Schmidt sieht sich selbst so: Als einen Motor, der unterstützt, aber nicht alles antreibt. Deshalb trat er die Stelle als Direktor vom Hotel Deichgraf im Nordseebad Wremen an – obwohl er nicht zum Hotelfachmann ausgebildet ist und auch noch nie gekellnert hat. "Ich möchte die Mitarbeiter so führen, dass sie keinen Chef mehr brauchen", sagt er. "Ich habe mir das Ziel gesetzt, mich selbst abzuschaffen!" 

Der Chef als Berater

Dann biegt er vom Feld auf die Hauptstraße ab, fährt vorbei an Einfamilienhäusern aus rotem Backstein und Vorgärten mit Rosen und kleinen Pensionen. Und auf einmal kann man es nicht übersehen: Auf der Deichkrone thront ein heller Klinker-Neubau, großes weißes Schild, Aufschrift Deichgraf, vier Sterne, blau auf weiß. Gleich daneben liegen Wremens größten Attraktionen: das Meer, die Wiese und der Leuchtturm Kleiner Preuße.

Vorne der Hoteldirektor, oben auf dem Deich sein Hotel © Emile Ducke für ZEIT ONLINE

Für die Gegend ist das Hotel groß, ein bisschen zu protzig vielleicht. Eine Nacht kostet doppelt so viel wie in einer der Pensionen, für ein Schnitzel bezahlt man so viel wie in einem guten Restaurant in München oder Hamburg. Vor neun Jahren hat das Hotel eröffnet, seitdem haben hier sechs verschiedene Chefs gearbeitet. Schmidt soll alles anders machen.

Im Deichgraf, drei Stockwerke, 34 Zimmer und eine Terrasse mit Meerblick, testet Schmidt die neue Arbeitswelt. Der Direktor soll keiner mehr sein, der seinen Mitarbeitern Anweisungen gibt, sie kontrolliert und alles besser weiß. Alle sollen mitbestimmen. Der Chef ist deshalb kein Experte mehr in seinem Fach, der Chef ist Schmidt, ein Fachfremder, der seine Rolle als Berater versteht.