Eines weiß Steffi ganz sicher, mit der Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau hätte sie niemand locken können. Was sie später mit diesem Beruf machen würde, schien ihr klar: sich als Verkäuferin die Beine in den Bauch stehen, auf Kundschaft warten und vermutlich sehr wenig Gehalt dafür bekommen. Trotzdem will die 16-Jährige bald in den Handel. Aber nicht in irgendeinen Laden, sondern ins Internet. Dort, wo sie selbst ihre Klamotten bestellt. Steffi möchte eine Ausbildung zur E-Commerce-Kauffrau machen.

Schuhe, Bücher, Pizza, Konzertkarten, das neueste Smartphone und frische Lebensmittel, das alles kann man übers Netz ordern. Onlineshops und Plattformen wie Zalando, dress-for-less.de, DaWanda oder KaufDA nehmen Millionen ein und haben so manchen ihrer Gründer zum gefeierten Unternehmer gemacht. Die Samwer-Brüder sind Steffi ein Begriff, über die DaWanda-Chefin Claudia Helming hat sie auch schon einiges gelesen. So schlecht kann also der Beruf der E-Commerce-Kauffrau nicht sein, oder?

Bisher weiß das keiner so genau, denn dieser Beruf ist brandneu. Genau genommen gibt es ihn noch gar nicht, weil er erst 2018 eingeführt werden soll. Er wird dann der jüngste von rund 340 Ausbildungsberufen sein – wenn alle Abstimmungsverfahren glatt laufen: Zwischen Unternehmen, Gewerkschaften, Handelskammern, Kultusministerien und Bezirksregierungen müssen noch einige Rahmenbedingungen ausgehandelt und Verträge geschlossen werden.

"Dieser Beruf ist längst überfällig"

Erst 2021 werden die ersten Azubis fertig sein. Was die Digitalhandelsleute dann genau gelernt haben werden, kann derzeit nicht einmal das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) sagen. Weil das Verfahren zur Neuordnung des Berufes noch laufe, könnten sich noch "kleinere Änderungen" bei den Ausbildungsinhalten ergeben, sagt Gunther Spillner, zuständig für kaufmännische Berufe beim BIBB.

Zum Rüstzeug, das den digitalen Kaufleuten mitgegeben wird, gehören – neben allgemeinem kaufmännischen Wissen und Abrechnungsformen – ganz sicher Dinge wie Sortimentsentwicklung, Contentmanagement, Vertriebssysteme, Suchmaschinenwissen, Bezahlsysteme, Onlinemarketing, Social Media, Newslettermonitoring oder Fragen von Datenschutz und Datensicherheit. Solche Schlagworte sind es, die für künftige Azubis wie Steffi cool klingen und den angestaubten Kaufmannsberuf plötzlich wieder modern erscheinen lassen.

"Dieser Beruf ist längst überfällig", sagt Nicole Heinrich, die bei der Otto Group für die Ausbildung zuständig ist. Der Versandhauskonzern stieg 1995 in den Internethandel ein, gemessen daran hat er eine Ewigkeit auf den Onlinekaufmann gewartet. Wie Otto waren auch der Technikhandelskonzern MediaMarktSaturn und die Lebensmittelkette Real an den Fachkommissionsverhandlungen beteiligt, in denen seit 2014 die Bedingungen für die neue E-Commerce-Ausbildung festgezurrt wurden.

Die drei Unternehmen wollen nun auch die ersten Ausbildungsplätze anbieten – und sie werden nicht die einzigen sein, schätzt der Handelsverband HDE aufgrund seiner Mitgliederanfragen. Schon 2018 könnte es rund 1.000 Lehrstellen in 150 Firmen geben. Auch Onlinehändler wie Zalando und Amazon könnten dann ausbilden. Bisher ist ihnen das verwehrt: Wer kein stationäres Ladengeschäft hat, kann keine Handelskaufleute schulen.

"Wir brauchen keine speziellen E-Commerce-Kaufleute, sondern Quereinsteiger, die gut schreiben können, um all unsere Produkte zu betexten."

Bei manchem Händler hält sich die Freude über die neue Ausbildung allerdings in Grenzen. Ein großer Onlineshopbetreiber für Outdoorausrüstung, der lieber anonym bleiben möchte, könnte gut auf sie verzichten: "Wir brauchen keine speziellen E-Commerce-Kaufleute, sondern Quereinsteiger, die gut schreiben können, um all unsere Produkte zu betexten. Die Fachkräfte für die Shopverwaltung haben wir längst." Gemeint sind damit Bachelorabsolventen der Informatik, auf die bisher schon viele Firmen setzen. "Das sind IT-Leute, die sich darauf spezialisiert haben und seit Jahren für uns arbeiten. Das kann so schnell kein frisch Ausgebildeter bieten."