Das bedingungslose Grundeinkommen, mhm. Ist das machbar? Sinnvoll? Brauchen wir das wirklich? Wenn etwas vorgibt, bedingungslos zu sein, die bedingungslose Solidarität, die bedingungslose Liebe, dann stockt der Mensch der Gegenwart, da wird er skeptisch. Steht die Bedingungslosigkeit doch allem entgegen, was ihn die Marktwirtschaft gelehrt hat. Bedingungsloses Grundeinkommen! Klingt das nicht nach einem obskuren Gratisabo mit Vertragsanhang in Kleinstschrift?

Weiß er doch – der Arbeitende, der Angestellte, der aufs Monatsende Hoffende –, dass er in Wahrheit nur etwas bekommt, wenn er etwas gibt. Er gibt seine Arbeitskraft und bekommt einen Lohn. Er gibt bei Starbucks 5,35 Euro (plus Vornamen) und bekommt einen Frappuccino Caramel. Bedingungsloses Grundeinkommen, klingt das nicht nach Schlaraffenland? Ist das ein haltbares Versprechen? Gilt nicht, was Theodor Fontane sagte? "Alles im Leben hat seinen Preis; auch die Dinge, von denen man sich einbildet, man kriege sie geschenkt." Es ist ein ewiges Geben und Nehmen. Das große Tauschen.

Der Marktlogik entkommt man nicht

Der marktgeschulte Mensch weiß, dass er nur handeln kann, wenn er zu tauschen bereit ist. Und selbst zu Hause, wenn er seine Frau ansieht, wie sie dort lächelnd im Wohnzimmer steht, fragt er sich heimlich, ob er ihr eigentlich genug bietet. Er legt das Wissen, dass man nichts umsonst bekommt, nicht an der Türschwelle ab, es gelingt ihm nicht. Wenn Freunde einladen und ihren besten Wein aufmachen, dann beeilt sich der moderne Mensch zu sagen – in der Angst, dass er in ein seltsames Minus geraten ist: "Dann gibt es aber ganz bald eine Gegeneinladung!"

Derart konfiguriert wird der moderne Mensch regelmäßig von einem Diskurszombie angefallen, der seit einem Jahrzehnt nicht totzukriegen ist. Ein Wiedergänger, der immer herauskommt, wenn ein paar Lehrer, Soziologen oder Kunststudenten in einem Altbau zusammensitzen und Chianti trinken und ins Philosophieren geraten über Fluchtwege aus Kapitalismus und Lohnabhängigkeit. Erst schlägt irgendjemand die Toskana vor, dann, nach einer vierten Flasche Classico Riserva, den Sozialismus. Aber da man zwar betrunken, aber auch Realist ist, wird der schnell wieder verworfen. Nein, hat nicht funktioniert. Stalin. Die Mauer.

Dann sagt einer, dass er gerne mal so richtig raus wäre für ein Jahr, in einem Schweigekloster, Nepal, das wäre toll. Und dann, ja dann spätestens sagt jemand einen Satz, der ungefähr so klingt: "Also ich bin ja", Zug an der Zigarette, "total ein Fan vom bedingungslosen Grundeinkommen." Bedingungsloses Grundeinkommen! Da ist der Zombie wieder! Arggh! Er beißt sich fest in der Diskussion. Irgendein anderer weiß dann noch, dass der Chef von dieser Drogeriekette (Wie heißt sie noch? Rossmann?) ein tolles Buch über das BGE geschrieben hat. Nicht gelesen, aber soll echt super sein. Und dann sagt ein Fünfter, plötzlich nüchtern, weil es ums Geld geht, den harten Abturner-Satz: "Ist doch alles nicht finanzierbar."

Das Grundeinkommen ist eine maximal pragmatische Utopie

Es gab diese Partys schon vor zehn Jahren. Und es gibt sie immer noch. Wurde in den Siebzigern noch bekifft davon fantasiert, dass man Springer abfackeln sollte oder die Fabriken unterwandern müsste, um die Arbeiter aufzuwiegeln, ist man heute radikal pragmatisch und argumentiert sogar besoffen noch mit einem Konzept, das innerhalb des Systems umzusetzen wäre. Nicht mit Straßenkampf und Revolution, sondern per Gesetz. Das bedingungslose Grundeinkommen verhält sich zum Sozialismus wie der Bonsai zum Mammutbaum: Eigentlich ist das nur eine Miniutopie. Deswegen lässt sich das BGE im Zweifel auch von einem Volkswirt oder einem Unternehmensberater vertreten. Das Konzept ist nicht ideologisch eingehegt, eine ganze große Koalition kann sich für das Grundeinkommen begeistern, Befürworter gibt es von CDU bis Linkspartei. Spricht das für diese Idee? Oder eher gegen sie?

Es klingt wahrlich nicht schlecht: dass jeder Bürger vom Staat bedingungslos jeden Monat Geld bekommt, von dem er theoretisch leben kann. Er darf arbeiten, wenn er will, sich etwas dazu verdienen. Er muss aber nicht. Dann allerdings hat er nicht viel mehr zum Leben als ein Hartz-IV-Empfänger. Der Haken aber (komplett bedingungslos ist die Sache nämlich nicht) ist der Umstand, dass man im Gegenzug viele Sozialleistungen abschaffen würde. Das kann das Arbeitslosengeld sein, aber auch Kindergeld, Bafög oder der Gründerzuschuss. So kann das Ganze, Achtung ihr chiantiseligen Romantiker, auch zum sozialpolitischen Gemetzel werden. Zum eiskalten, neoliberalen Projekt. Das ist das Gemeine an diesem Zombie: Er kann einen wirklich aus jedem Winkel anspringen.

Aber ist der Mensch überhaupt schöpferisch? Will er arbeiten, wenn er nicht muss?

Gesprächsthema unter Freunden

Auch ästhetisch hat es das Konzept schwer. Man denkt an einen zauseligen Sandalenträger, der sich im angedeuteten Schneidersitz in Fernsehstudios setzte. Der Mann hieß Johannes Ponader, war ehrenamtlicher Geschäftsführer der Piratenpartei und ein glühender Verfechter des Grundeinkommens. Sein Geld bekam er vom Arbeitsamt, als Hartz-IV-Empfänger.

Die Jünger der Leistungsgesellschaft beschimpften ihn als Taugenichts, der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit warf Ponader vor, sich vom Staat finanzieren zu lassen, während er sich als Politiker selbst verwirkliche. Ponader gab dem Grundeinkommen etwas Hippieskes mit. Aus seinem Mund verteidigt, klang es wie der romantische Versuch, sich vor den Härten der Arbeitswelt zu schützen. Als die kindlich schöne Idee, dass sich, mit der Sicherheit des Grundeinkommens im Rücken, ein jeder die Tätigkeit sucht, die ihm Freude bereitet und die ihm sinnvoll erscheint: unter Bäumen liegen, Theater spielen, dem Nachbar im Garten helfen, malen, schreinern, Segelboote renovieren, die Großeltern pflegen. Die Arbeit, so sehen es die Romantiker, wird durch das Grundeinkommen vom Zwang befreit. Man arbeitet nicht mehr, weil man muss. Sondern nur, weil man will. Schönes, helles Bild: der Mensch als freies, schöpferisches Wesen. Aber ist der Mensch überhaupt schöpferisch? Will er arbeiten, wenn er nicht muss? Oder ist er möglicherweise ein faules Tier?

Die anthropologische Frage ist die dritte und letzte Etappe der Diskussion. Man erreicht sie nur, wenn man die Abturner-Frage ("Wie soll man das denn finanzieren?") überwunden hat. Dann sitzt man auf dem Balkon, laue Sommernacht, Blick in die Sterne. Und fängt an, von der Steinzeit zu reden.

 – Der Mensch hat doch immer gearbeitet. Früher hat er halt Mammuts gejagt.

 – Na ja, er hatte eben Hunger.

 – Hmhm, stimmt.

Stille.

 – Die Frage ist doch: Hätte er auch Mammuts gejagt, wenn der Staat ihm jeden Monat ein Mammut gegeben hätte, ein bedingungsloses Mammut?

– Da gab es doch noch keinen Staat in der Steinzeit.

– Mhmh, stimmt natürlich auch.

Stille.

Was ist das bedingungslose Grundeinkommen also? Die Befreiung des modernen Menschen? Die Revolution der Arbeit? Die Lösung der sozialen Frage? Die Erlösung vom Kapitalismus? Womöglich ist es eben doch bloß: ein Gesprächsthema unter Freunden. Denn bis zum Beweis des Gegenteils bleibt das Grundeinkommen nicht mehr als der Inhalt eines finalen, müden Dialogs kurz bevor man sagt: "Du, danke für den schönen Abend. Wir gehen jetzt mal. Muss morgen früh arbeiten."