Wir wollen von ZEIT-ONLINE-Lesern wissen: Haben Sie schon einmal Diskriminierung am Arbeitsplatz oder bei der Bewerbung erfahren? Wurden Sie schon einmal aufgrund Ihres Geschlechts, Ihrer Hautfarbe oder Ihres Äußeren benachteiligt – oder weil Sie zu einer bestimmten Gruppe gehören? Schicken Sie Ihre Geschichte an debatte-arbeit@zeit.de. Hier erzählt Zahra, 29 Jahre alt, warum sie ihren Kollegen nie erzählte, dass sie eigentlich ein Kopftuch trägt.

Lange hatte ich nur so ein Gefühl, warum ich mit meinen Bewerbungen für einen Nebenjob keinen Erfolg hatte. Mein Gefühl war: Es lag am Kopftuch. Beweisen konnte ich das natürlich nicht. Meine Noten waren nicht schlecht, ich bin ein offener Typ und komme gut klar mit anderen Leuten. Oft bekam ich gar keine Antwort auf Bewerbungen oder die Nachricht, dass eine Stelle nun schon vergeben sei. Im Nachhinein habe ich manchmal gesehen, dass das Unternehmen doch noch jemanden sucht.

Den Beweis dafür, dass es wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Kopftuch und der Absage gibt, habe ich erst seit meinem Job im Fitnessstudio. Als ich meine Bewerbung damals zum ersten Mal persönlich abgab, trug ich ein Kopftuch und meine schicken Schuhe. Die Mitarbeiter lächelten mich freundlich an und sagten mir ein paar Tage später ab. Kurz darauf erzählte mir meine Cousine, die auch dort arbeitete, dass sie in diesem Fitnessstudio immer noch dringend Aushilfen suchen. Ich bewarb mich ein zweites Mal, diesmal mit einem Foto, auf dem ich kein Kopftuch trage – und wurde genommen.

Neulich war der Techniker bei uns zu Hause. Als ich losmusste, habe ich betont, dass ich jetzt mal ins Büro müsste. Ich wollte ihm zeigen, dass ich arbeite, obwohl ich ein Kopftuch trage.

Ich begann mit einer Aushilfsstelle, irgendwann hatte ich eine Vollzeitstelle und machte später dort auch meine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau. Meine Arbeit wurde geschätzt. Neun Jahre arbeitete ich im Fitnessstudio und in der ganzen Zeit verschwieg ich meinen Kollegen, dass ich, sobald ich das Fitnessstudio verlasse, mein Kopftuch anziehe. Aus religiösen Gründen war es für mich in Ordnung, während der Arbeit kein Kopftuch zu tragen, da es ein reines Frauensportstudio war.

Irgendwann habe ich es trotzdem nicht mehr ausgehalten. Je länger ich dort ohne Kopftuch arbeitete, desto mehr lebte ich mit zwei Identitäten. Ich wollte nicht mehr schauspielern und erzählte davon. Ich begann mit Kopftuch zur Arbeit zu kommen. Am Anfang habe ich es noch stylisch getragen: nur das hintere Haar verdeckt und mit Ohrringen. Erst wollten meine Kollegen mir gar nicht glauben, und meine Chefin verhielt sich komisch. Immer wieder wurde ich gefragt: Warum machst du das? Wurdest du dazu gezwungen? Eine Gehaltserhöhung, die meine Chefin vorher angekündigt hatte, bekam ich dann doch nicht. Nach einiger Zeit haben sie mein Kopftuch dann akzeptiert, aber mir war die Lust vergangen, weiter dort zu arbeiten.

Der einzige Weg für mich, auf dem deutschen Arbeitsmarkt ich selbst sein zu können, ist die Selbstständigkeit. Ich habe im Fitnessstudio gekündigt und mehrere Umschulungen besucht. Mittlerweile arbeite ich als Selbstständige im Energiebereich. Ich fahre zu meinen Kunden nach Hause, kontrolliere Zählerstände, suche die besten Tarife für sie heraus und erkläre ihnen, wo sie sparen können. Für diesen Job musste ich mich nicht bewerben. Bei meiner Arbeit werde ich wegen meines Kopftuchs nie komisch angeguckt oder anders behandelt. Hier steht meine Kompetenz im Vordergrund.

Trotzdem frage ich mich ständig: Denken andere Leute, ich bin unterdrückt? Denken die Leute, ich kann kein Deutsch? Denken sie, ich bin dumm? Ich habe mir deshalb angewöhnt, meinen Job zu erwähnen, auch wenn eigentlich niemand danach gefragt hat. Neulich war der Techniker bei uns zu Hause. Als ich losmusste, habe ich betont, dass ich jetzt mal ins Büro müsste. Ich wollte ihm zeigen, dass ich arbeite, obwohl ich ein Kopftuch trage.

Diese Last, mich zu beweisen, das hängt auch damit zusammen, dass uns Frauen, die wir Kopftuch tragen, nicht immer die Möglichkeit gegeben wird, das Kopftuch auch beim Arbeiten zu tragen.