Fuck. Davon kannst du leben? Luca hat es nicht ausgesprochen, aber gedacht hat er es schon, als er und seine Kollegen zum ersten Mal offen über ihr Gehalt gesprochen haben.

Wer die Idee als Erstes hatte, über Geld zu reden, daran erinnert sich Luca nicht mehr, nur an die beklemmende Stille danach: "Da sitzen zehn Leute zusammen und wollen über die einzige Sache sprechen, die noch intimer ist als Sex, und plötzlich sagt keiner mehr was", sagt Luca. Für Luca, Ende 20, BWLer, der seinen Namen lieber nicht in den Medien lesen will, war es eine der spannendsten Erfahrungen seines Lebens. Gekündigt hat er wenige Monate später trotzdem.

Die Totenstille und der Schock über die Gehälter der anderen, das war auf einem Teammeeting von Einhorn, einem hippen Berliner Start-up, das von einem Kreuzberger Hinterhof aus vegane und fair gehandelte Kondome vertreibt. Die Leute, die hier arbeiten, bloggen auch über Elternsex und die verschiedenen Aggregatzustände des männlichen Glieds. Auf Fotos formen sie die Hände gerne zu einem Horn über der Stirn. Sie wirken nicht wie Menschen, die sich selbst zu ernst nehmen. Und trotzdem verhalten sie sich beim Thema Geld genauso verklemmt, wie die meisten Deutschen auch. 

Niemand redet so ungern über Geld wie die Deutschen

Nirgendwo sonst auf der Welt wird so ungern über Geld gesprochen wie in Deutschland, das belegen Studien. Bevor Deutsche über ihr Gehalt sprechen, plaudern sie eher mit den Kollegen über ihr Sexleben. Auf die Frage, warum die Deutschen so ausgesprochen ungern über Geld sprechen, gibt es verschiedene Antworten. Die einfache lautet: Sie dürfen es nicht, denn das Gehalt ist in der Regel Betriebsgeheimnis – und in vielen Arbeitsverträgen finden sich Klauseln, die zum Stillschweigen verpflichten. Da nützt es wenig, dass das Landesarbeitsgericht in Mecklenburg-Vorpommern diese Schweigeklauseln in Arbeitsverträgen schon 2009 für unwirksam erklärt hat. Die Berührungsängste beim Thema Geld bleiben.

Die etwas kompliziertere Antwort ist, dass es für einen Mitarbeiter unangenehm werden kann, wenn er offenlegt, wie viel er der Firma wert ist. Denn ob Leute mit ihrem Gehalt zufrieden sind, hängt auch davon ab, ob sie mehr oder weniger als andere verdienen. Das haben Wissenschaftler mit der Relative Income Hypothesis bewiesen: Arbeitnehmer können auf zwei Arten mit einem niedrigen Gehalt glücklich sein. Entweder, wenn die Kollegen noch weniger verdienen, oder wenn sie nicht wissen, dass die Kollegen mehr verdienen. Transparenz kann also unglücklich machen und Neid erzeugen.

Das Problem mit der zweiten Antwort: Das Nichtwissen verschleiert die Ungerechtigkeit. Verdienen die Kollegen mehr oder weniger? Und wie viel? Liegt es an der Berufserfahrung? Der Hautfarbe? Dem Geschlecht? Man kann es nur vermuten. Durch Transparenz beim Gehalt, so hoffen die Befürworter, werden Ungerechtigkeiten sichtbar und können besser bekämpft werden. Wer weiß, warum die Kollegen wie viel verdienen, ist selbst in einer besseren Verhandlungsposition.

Führt mehr Transparenz auch zu mehr Gerechtigkeit?

Mehr als 60 Prozent der deutschen Erwerbstätigen befürworten die sogenannte Lohntransparenz grundsätzlich. Trotzdem gibt es nur wenige Unternehmen, die sie praktizieren. Ist also alles nur eine Frage der Gewöhnung? Verliert die Lohntransparenz ihren Schrecken genauso wie das Nacktsein, wenn plötzlich alle nackt sind? Und wenn ja, führt mehr Transparenz tatsächlich zu faireren Gehältern?

Wie der Kondomhersteller Einhorn versuchen es gerade eine Reihe von Unternehmen mit der Lohntransparenz. Die Digitalagentur Dark Horse in Berlin, die Werbeagentur Elbdudler in Hamburg, die Düsseldorfer IT-Firma Sipgate und die Münchner Outdoormarke Gore; sie alle experimentieren mit transparenten und selbstbestimmten Gehältern. Selbstbestimmt heißt: Das Team diskutiert offen, wer was verdient, und auch ob das Gehalt zu Arbeitspensum und Leistung passt. Doch wie kann es einer Firma gelingen, dass alle mitreden? Und was bedeutet es für ein Team, wenn es entscheiden muss, dass möglicherweise jemand zu viel verdient?

Bei Einhorn kann man gut beobachten, ob das Experiment glückt, weil sie auch mit ihren Erfahrungen transparent umgehen. Vieles von dem, was die Gründer und ihre Mitarbeiter ausprobieren, kann man auf ihrer Website nachlesen.