ZEIT ONLINE: Herr Südekum, der amerikanische Ökonom Daron Acemoğlu hat kürzlich berechnet, dass in den USA pro Roboter bereits drei bis sechs Arbeitsplätze weggefallen sind. Sie und Ihre Kollegen haben sich jetzt den deutschen Arbeitsmarkt angeschaut und sagen: Das passiert hier nicht. Wie kann das sein?

Jens Südekum: Das Ergebnis aus den USA ist niederschmetternd. Wir wollten herausfinden, ob das Bild hierzulande vielleicht noch düsterer sein könnte. Denn in Deutschland gibt es pro Kopf viermal mehr Roboter als in den USA. Gleichzeit gibt es mehr Arbeitsplätze in der Industrie, die von Robotern ersetzt werden könnten. Unser Ergebnis hat uns jedoch überrascht: In Deutschland sind insgesamt überhaupt keine Jobs durch Roboter weggefallen. Dabei wurden hier seit Mitte der 90er Jahre 131.000 Roboter installiert.

ZEIT ONLINE: In der Industrie sind sehr wohl Jobs weggefallen, geht aus Ihrer Studie hervor.

Südekum: Ja, dort ersetzt ein Roboter zwei Arbeitsplätze. Insgesamt sind dort 275.000 Arbeitsplätze weggefallen. Der Wegfall dieser Jobs wird jedoch ausgeglichen, weil gleichzeitig neue Stellen entstehen, meist im Dienstleistungssektor.

Jens Südekum, 42, ist VWL-Professor am Institut für Wettbewerbsökonomie der Universität Düsseldorf. Zusammen mit seinen Kollegen Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen und Nicole Wößner hat er die Studie "German Robots – The impact of industrial Robots on Workers" herausgebracht, die in dieser Woche erscheint. © Schmidt-Dominé

ZEIT ONLINE: Mit welchen Daten haben Sie gearbeitet?

Südekum: Genau wie Acemoğlu haben wir mit Daten der International Federation of Robotics (IFR) gearbeitet, dem internationalen Verband der Roboterhersteller. Die IFR führt unter ihren Mitgliedern repräsentative Umfragen durch, wie viel Roboter sie tatsächlich verkauft und montiert haben, die Zahlen gehen bis 1994 zurück. Wir haben diese Daten mit Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zum deutschen Arbeitsmarkt verknüpft. Der Unterschied zu den USA ist: Wir haben hier detailliertere Zahlen zur Beschäftigung und können daher genauer sagen, was sich verändert hat.

ZEIT ONLINE: Wie viele Leute sind bereits arbeitslos geworden, weil Maschinen und künstliche Intelligenz ihre Arbeit übernehmen?

Südekum: Wir können zeigen, dass die Menschen nicht rausgeworfen werden. Teilweise finden sie in ihren Firmen andere Aufgaben. Wir sehen aber, dass über die Jahre weniger junge Leute in der Industrie eingestellt wurden.

ZEIT ONLINE: Warum ersetzen diese Unternehmen ihre Leute nicht einfach durch Roboter?

Südekum: Ein Grund könnten die Gewerkschaften sein. Das ist ganz ähnlich wie in den Neunzigerjahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Damals war die Angst groß, dass die Firmen nun in Osteuropa produzieren würden und in Deutschland die Stellen streichen. Doch die Arbeitsplätze wurden gehalten, weil die Gewerkschaften zum Lohnverzicht bereit waren. So ist es heute auch: Ein Großteil der Beschäftigten verdient weniger Geld durch die Robotisierung von Arbeit.

"Die Gewinne der Unternehmen steigen."
Jens Südekum

ZEIT ONLINE: Um welche Jobs in der Industrie geht es?

Südekum: Der typische Facharbeiter hat Probleme bekommen. Er hat eine abgeschlossene Berufsausbildung – aber keinen Uniabschluss. Zu seinen Aufgaben gehört die Wartung von Maschinen, er bedient die Geräte und steht am Fließband. Das können Roboter auch. Das Problem: In der Industrie haben fast drei Viertel der Mitarbeiter solche Aufgaben.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Beschäftigten ohne Berufsausbildung?

Südekum: Niedrigqualifizierte Menschen arbeiten zum Beispiel als Hausmeister oder Pförtner. Deren Tätigkeiten sind zwar auch einfach, aber stärker interaktiv mit anderen Menschen und weniger durch standardisierte Routineabläufe gekennzeichnet. Sowas können Roboter nicht so leicht ersetzen. Auch die Arbeit von Hochqualifizierten wird nicht ersetzt. Ein Roboter übernimmt ja nicht die Aufgabe von einem Marketingchef oder einem Salesmanager, er ergänzt sie eher. Und wenn die Firma höhere Gewinne erzielt, wird ein Teil davon an Manager, Wissenschaftler und Techniker weitergegeben. Hochqualifizierte verdienen mehr Geld durch Roboter.

ZEIT ONLINE: Wo sind heute die meisten Roboter im Einsatz?

Südekum: Im Schnitt kommen in Deutschland acht Roboter auf 1.000 Mitarbeiter. In der Automobilbranche sind es zehnmal so viele. Dort arbeiten mit Abstand die meisten Roboter, in Wolfsburg bei VW zum Beispiel und bei BMW in Dingolfing-Landau. Aber auch in der Möbelproduktion und bei der Herstellung von Haushaltsgeräten sind mittlerweile Roboter im Einsatz. Das Ruhrgebiet hingegen, eine klassischen Industrieregion, ist kaum robotisiert.

ZEIT ONLINE: Erhöhen Roboter den Wohlstand in Deutschland?

Südekum: Ja, das kann man schon sagen! Die Zahl der Arbeitsplätze bleibt insgesamt gleich, genauso die Durchschnittslöhne – auch wenn die weniger gut qualifizierten Menschen weniger verdienen und die Hochqualifizierten mehr. Aber die Gewinne der Unternehmen steigen.

ZEIT ONLINE: Durch Roboter wird also die Schere zwischen arm und reich größer.

Südekum: Ja, das ist zu befürchten. Aber wir reden hier bislang noch nicht von schwindelerregenden Zahlen.

ZEIT ONLINE: Vor vier Jahren prognostizierten die Oxford-Forscher Carl Frey und Michael Osborne, dass 47 Prozent der Arbeitsplätze durch Roboter in Gefahr sei. Für ihre Studie hatten sie 702 Berufe untersucht. Seitdem wird sie von Medien immer wieder aufgegriffen. Ist die Prognose falsch?

Südekum: Frey und Osborne haben Wahrscheinlichkeiten berechnet, wir haben uns angeschaut, was in den vergangenen 20 Jahren tatsächlich passiert ist. Das ist etwas anderes. Aber ja, die Auswirkungen sind nicht so fatal wie angenommen.

ZEIT ONLINE: Die Beratungsfirma Boston Consulting Group sagt voraus, dass bis 2025 vier bis sechs Millionen Roboter weltweit eingesetzt werden. Dann werden aber auch Stellen in Deutschland wegfallen, oder?

Südekum: Das ist Spekulation. Wir wissen ja gar nicht, wo diese Roboter arbeiten werden: Da, wo sie schon sind, oder in ganz anderen Berufen? Unsere Erhebung zeigt, es gibt keinen Grund für Panik.