Stress ist keine Krankheit und auch kein Ausdruck von Schwäche oder persönlichen Versagens. Stress ist Energie. Stress gehört zum Leben, wie die Welle zum Meer. Ist die Flut zu stark, geht selbst die stärkste Person unter. Bleibt sie aus, herrscht Ebbe und Einöde. Es kommt auf die Balance an. Zu wenig Stress langweilt, zu viel Stress greift die Gesundheit an.  

In der Wissenschaft unterscheidet man deshalb zwischen negativem und positivem Stress: Während der negative Disstress eine Belastung ist, die zur Erschöpfung und Depression führen kann, spornt der positive Eustress zur Höchstleistung an. Je größer die Möglichkeiten sind, sich in der Arbeit zu verwirklichen, umso stärker ist die Identifikation mit dem Job und dem Arbeitgeber – das ist positiver Stress. Seinen Beruf als notwendiges Übel zu empfinden, ständig negativer Kritik ausgesetzt zu sein oder unfair behandelt zu werden, all das führt zu einem erhöhten Risiko, psychisch und körperlich krank zu werden. Wir alle sind von Stress betroffen. Doch meine Erfahrung mit Coaches und Patienten zeigt: Wer unter Stress leidet oder die Notbremse ziehen muss, weil er Gefahr läuft, krank zu werden, sucht allzu oft den Fehler bei sich selbst.

In der "Beschleunigungsfalle"

Aber Stress ist kein Einzelschicksal, kein individuelles Versagen, sondern ein Massenphänomen. Und der Stress von heute ist ein radikal anderer als früher. Wir arbeiten nicht mehr, um zu überleben oder den Weg aus der Armut zu finden, unser Alltag ist bestimmt von Performance und Beschleunigung. Das Gefühl der Daueranspannung ist für Führungskräfte und Mitarbeiter gleichermaßen Alltag. Forscher sprechen von der "Beschleunigungsfalle": Statt phasenweise Hochleistung bringen zu müssen, sind Mitarbeiter dauerhaft überstrapaziert. Wie die OECD zuletzt für 2013 erhoben hat, steigt der Konsum von Psychopharmaka, Antidepressiva und Schlafmitteln – ein Zeichen, dass das Leben von immer mehr Menschen rastlos und hektisch wird. Patienten berichten mir, dass ihr Leben einem Slalom gleicht.

"Negativer Stress ist in vielen Fällen das direkte Ergebnis von inkompetenter Führung."

Unsere Arbeitswelt ist ja auch deutlich komplexer geworden: Während in den siebziger Jahren eine Management-Position schon Respekt und Status verschaffte, beobachte ich heute, dass sich viele Führungskräfte den Respekt ihrer Mitarbeiter erarbeiten müssen. Kommunikation von oben nach unten funktioniert da nicht mehr, aus Untergebenen sind Mitarbeiter geworden. Silo-Denken, Macho-Gehabe und Alpha-Tiere sind verpönt, stattdessen werden gute Teamleistungen, Interdisziplinarität und gutes Diversity-Management gefordert. Männer und Frauen konkurrieren miteinander um die Spitzenpositionen. Bei vielen meiner Patienten sind die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben aufgelöst.

Louis Lewitan berät Unternehmer und Führungskräfte zu Konfliktlösungen und Teamwork. Zu seinen Klienten zählen mittelständische Familienunternehmen ebenso wie internationale Konzerne. © Stefan Nimmesgern

Die ständige Erreichbarkeit lässt kaum Rückzugsmöglichkeiten, für Erholung und Selbstreflexion bleibt wenig Zeit. Der erste Ansprechpartner morgens ist nicht mehr der Partner, sondern das Handy, abends sind es Laptop und Netflix. Jeder dritte Erwachsene, das hat das Robert-Koch-Institut im Jahr 2013 erhoben, kann nicht ein- oder durchschlafen. Meine Beobachtung zeigt: Wer versucht, die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem klar zu ziehen, muss sich rechtfertigen. Wer auf sein Recht auf ungestörten Urlaub pocht, muss mit Schuldgefühlen kämpfen. Man eilt gestresst in den Urlaub, um sich anschließend sofort wieder in die Arbeit zu stürzen.

In Gesprächen mit Führungskräften fällt mir auf, dass sie glauben, sie könnten beliebig lange zwischen Powernap, Powerlunch und Powersex surfen. Sie unterliegen einer grandiosen Selbsttäuschung.

Während die Unternehmensziele von Jahr zu Jahr hochgeschraubt werden, werden gleichzeitig die Ressourcen gekürzt, Teile des Personal ausgegliedert, Zeitkorridore gestrafft, Arbeitsprozesse verschlankt. Zu wenige Unternehmen verstehen, dass die Digitalisierung eine kulturelle Transformation bedeutet. Sie starren auf Kennzahlen und eine kurzfristige Steigerung der betrieblichen Performance. Doch das gefährdet das Wohlbefinden der Mitarbeiter.

Stress sollte Chefsache sein

Obwohl gestresste Mitarbeiter hohe Kosten verursachen und auf die Stimmung im gesamten Unternehmen schlagen können, wird das Thema nur selten als Chefsache behandelt. Das ist falsch. Stress ist keine private Angelegenheit. Negativer Stress ist in vielen Fällen das direkte Ergebnis von inkompetenter Führung. Gute Führung erfordert mehr als analytisches und konzeptionelles Denken, sie fußt auf einer starken Persönlichkeit, braucht Erfahrung, Kreativität und Emotionalität.

Wie also dem allgegenwärtigen Stress beikommen? Unternehmen müssen ihr Management und ihre Mitarbeiter weiterentwickeln, Engagement und Verbindlichkeit wertschätzen, Leistung honorieren und eine Unternehmenskultur fördern, in der jeder mit Respekt behandelt wird. Individuell muss jeder für sich einen klugen Umgang mit den eigenen Ressourcen finden und die innere Stärke, für seine Belange einzutreten.

Konkret heißt das: Teilen Sie sich mit, wenn Sie planen das Büro pünktlich zu verlassen, damit sich Ihre Vorgesetzten und Kollegen darauf einstellen können. Schlucken Sie Ihren Ärger nicht runter, wenn Sie davon überzeugt sind, das Arbeitspensum sei nicht zu schaffen. Anstatt sich frustriert zurückzuziehen, besprechen Sie die Projektabläufe im Team und machen Sie konkrete Vorschläge. Und: Verzichten Sie nie auf Ihre Mittagspause. Essen oder arbeiten, das ist nicht die Frage. Wer täglich kurz pausiert, kann bessere Leistungen erzielen.

Der adäquate Umgang mit Druck, Sorgen und Belastungen lässt sich trainieren wie ein Muskel. Es geht um das richtige Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung. 

Ihr Arbeitspensum führt zu Streit mit Ihrem Partner, Sie leiden unter engen Deadlines oder schwierigen Kollegen? Der Psychologe und Coach Louis Lewitan antwortet ab sofort auf ausgewählte Fragen in der Serie "Die Lewitan-Therapie". Stellen Sie Ihre Frage zum Umgang mit Stress im Kommentarbereich unter diesem Artikel - oder schreiben Sie uns an: debatte-arbeit@zeit.de