Sie beklagen, dass Sie sich an Ihrem Freund abmühen. Ihre Versuche, an ihn heranzukommen, prallen an ihm ab, obwohl Sie es doch gut mit ihm meinen. Je länger dieser Zustand andauert, umso frustrierter werden auch Sie. Was also tun?

Sie kennen vielleicht das Sprichwort: "Nullus propheta in patria" – der Prophet gilt nirgends weniger als im eigenen Land. Zu dieser leidvollen Weisheit gelangte Jesus, als er nach Nazareth zurückkehrte. Auf den ersten Blick erscheint seine Erkenntnis verwunderlich. Doch bei näherer Betrachtung ist die Ablehnung, auf die der Prophet stößt und auf die auch Sie stoßen, nachvollziehbar. Es liegt in der Natur des Menschen, Warnungen in den Wind zu schlagen, den bequemen Weg zu gehen und den mühsamen zu meiden. Im Grunde ist die Chose simpel: Wir alle wollen gemocht, gelobt und geliebt werden. Und wir verdrängen und vergessen ein Problem lieber, als dass wir uns damit auseinandersetzen. Denn dann müssten wir unser Verhalten vielleicht ändern.

Louis Lewitan berät Unternehmer und Führungskräfte zu Konfliktlösungen und Teamwork. Zu seinen Klienten zählen mittelständische Familienunternehmen ebenso wie internationale Konzerne. © Stefan Nimmesgern

Daher empfinden wir eher Schmerz als Dankbarkeit, wenn wir auf unsere Schwächen hingewiesen werden. Statt Ratschläge als gutgemeinte Anregungen zu erkennen, schlagen wir sie in den Wind. Wir stürzen uns in die Arbeit, um nicht nachdenken zu müssen. Auf lange Sicht ist das anstrengend. Wer allerdings aus diesem Teufelskreis hinausfinden will, muss sich zunächst bewusst werden, dass er in einem feststeckt. Möglicherweise ist Ihr Freund sich über seine Situation nicht im Klaren und fühlt sich genauso hilflos wie Sie.

Das Problem ist: Sie können nichts erzwingen. Je mehr Sie auf Ihren Freund einreden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auf Durchzug schaltet. Menschen unter Stress mutieren zum Wolf oder zur Schildkröte. Der Wolf verhält sich aggressiv, knurrt, droht, beißt gar zu. Der Schildkröten-Typ hingegen verhält sich passiv, zieht den Kopf ein und wartet, dass der Sturm vorbeizieht. Dass Ihr Partner einen Tunnelblick entwickelt hat, wie Sie schreiben, ist Ausdruck von Stress. Er scheint die Welt durch ein Schlüsselloch zu sehen, anstatt die Tür zu öffnen und den Ausblick mit den vielen Perspektiven, die Sie ihm offenlegen, genießen zu können.

Ich schlage zunächst vor, Ihrem Freund gegenüber keinen unnötigen Druck aufzubauen. Kritisieren Sie ihn nicht. Stellen Sie ihm keine Bedingungen, sagen Sie nicht: "Wenn du dich nicht bald änderst, dann muss ich ..." Stattdessen raten ich Ihnen, Fragen zu stellen. Finden Sie heraus, was er konkret von Ihnen braucht, was ihm gut tut und was er sich wünscht. Am Ende muss er entscheiden, ob er Ihre Hilfe annimmt. Wenn er sie nicht annimmt, sollten Sie sich abgrenzen. Denn in jeder Beziehung, ob bei der Arbeit oder im Privaten, gilt: Sie sind nicht für das Glück und die innere  Zufriedenheit des anderen verantwortlich. Jeder hat die Möglichkeit, an sich zu arbeiten. Solange Ihr Partner jedoch glaubt, alles im Griff zu haben, obwohl ihm schon manches aus der Hand gleitet, steht er sich selbst im Weg. Es zeugt von innerer Größe und Stärke, sich helfen zu lassen. Zu dieser Einsicht muss er selbst gelangen.

Und möglicherweise gelingt ihm das auch gerade nicht mit Ihrer Hilfe. Denn Sie kennen die Schwächen Ihres Freundes. Manche Menschen zumindest neigen dazu, dem Partner schonungslos seine Defizite unter die Nase zu reiben. Man greift lieber an, als dass man aufmerksam zuhört. Sie können sich denken: Das bringt nichts. Deshalb kann es ratsam sein, eine außenstehende Person hinzuzuziehen. Doch resignieren Sie nicht, denn damit ist keinem geholfen.

Ihr Arbeitspensum führt zu Streit mit Ihrem Partner, Sie leiden unter engen Deadlines oder schwierigen Kollegen? Der Psychologe und Coach Louis Lewitan antwortet ab sofort auf ausgewählte Fragen in der Serie "Die Lewitan-Therapie". Stellen Sie Ihre Frage zum Umgang mit Stress im Kommentarbereich unter diesem Artikel – oder schreiben Sie uns an: debatte-arbeit@zeit.de