Sie berichten von Jobs, in denen es unmöglich sei, sich gegen Stress zu sperren. Die Arbeit im Verkauf, in der Pflege oder in der Medizin. Was kann man tun, um gelassen zu bleiben?

Zunächst: Es ist völlig in Ordnung, dass Menschen uns stressen. Es ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit, sich gegen Stress zu sperren. Natürlich können Yoga, Entspannungstechniken oder ein Achtsamkeitstraining Ihnen helfen, der Gelassenheit näherzukommen. Als Psychologe richte ich meinen Blick auf die psychischen und zwischenmenschlichen Prozesse. Menschen können sowohl nerven, belasten, kränken, also negativen Disstress auslösen, als auch inspirieren, begeistern oder Freude in uns hervorrufen. Da Stress auch positiv sein kann, in dem Fall sprechen Psychologen von Eustress, wäre es Unsinn sich dagegen zu wehren. Im Umgang mit Menschen kommt es stets darauf an, wie wir über sie denken, welche Erwartungen wir an sie stellen und welche Gefühle sie in uns auslösen. Jedenfalls liegt es in der Natur des Berufs selbst, sei es als Kellner, Krankenpfleger, Ärztin oder Lehrerin, ständig in Kontakt mit Menschen zu sein. Gerade dann gilt es bestimmte Regeln zu beachten.

Louis Lewitan berät Unternehmer und Führungskräfte zu Konfliktlösungen und Teamwork. Zu seinen Klienten zählen mittelständische Familienunternehmen ebenso wie internationale Konzerne. © Stefan Nimmesgern

Grundsätzlich sollten Sie sich die Frage stellen, wie freundlich Sie mit sich selbst umgehen. Egal in welcher Branche, es gilt: Achte auf dich und deine Grundbedürfnisse. Seine Bedürfnisse zu kennen und sich dennoch über sie hinwegzusetzen, ist der schnellste Weg, um krank zu werden. Wer mit zusammengebissenen Zähnen kellnert, ungeduldig mit alten Menschen umgeht, mit versteckter Aggression seine Pflicht abhakt, der tut sich und anderen Schlechtes. Es gilt, seine Grundwerte nicht zu verraten. Tun Sie nichts, was Sie eigentlich ablehnen.

Die zweite Regel lautet: Achten Sie auf Ihre Grenzen. Wer seine Grenzen kennt und sie anderen aufzeigen kann, lässt sich weder durch eigene Schuldgefühle, noch durch vorgespielte Bedürftigkeit manipulieren. Eine Person, die sich traut, Unangenehmes anzusprechen, hat Grund zur Gelassenheit. Denn sie kann sich selbst schützen. Wer jedoch anderen keine Grenzen setzen kann, wird nicht wahr- und nicht ernst genommen. Besonders fürsorgliche, sensible, hilfsbereite Menschen neigen dazu, ihre Bedürfnisse zu vernachlässigen. Umso wichtiger ist es, sich nicht ausnutzen zu lassen, denn manche Menschen verhalten sich grenzenlos. In ihrer Selbstbezogenheit gehen sie davon aus, dass die Welt nur um sie kreist. Diese Menschen müssen Sie höflich, aber entschlossen in die Schranken weisen.

Meine dritte Empfehlung, um gelassen zu werden: Trauen Sie sich Nein zu sagen. Üben Sie vor dem Spiegel oder vor Freunden zu widersprechen und dem Gegenüber Kontra zu geben. Je öfter Sie sich trauen, Ihre Meinung kundzutun, umso stärker wird Ihr Selbstwertgefühl werden. Üben Sie, Klartext zu reden, anstatt sich die Dinge schönzureden.

Zuletzt möchte ich Ihnen eine Gedankenübung vorschlagen. Stellen Sie sich vor, Sie schlüpfen in einen maßgeschneiderten Tarnanzug, an dem schlechte, aggressive, missmutige Gefühle sofort abperlen. Dieser speziell für Sie angefertigte Anzug, den kein anderer sehen kann, schützt Sie vor Missbrauch und Anfeindungen, bewahrt Sie vor Verletzungen und Kränkungen. Wann immer Sie sich einem Menschen hilflos ausgesetzt fühlen oder wissen, ein unangenehmes Gespräch steht bevor, greifen Sie zum Ihrem Anzug. Er fühlt sich wie Ihre zweite Haut an. Und verleiht Ihnen echte Gelassenheit. 

Ihr Arbeitspensum führt zu Streit mit Ihrem Partner, Sie leiden unter engen Deadlines oder schwierigen Kollegen? Der Psychologe und Coach Louis Lewitan antwortet ab sofort auf ausgewählte Fragen in der Serie Die Lewitan-Therapie. Stellen Sie Ihre Frage zum Umgang mit Stress im Kommentarbereich unter diesem Artikel – oder schreiben Sie uns an: debatte-arbeit@zeit.de.