ZEIT ONLINE: Herr Benkler, Ihr Start-up arbeitet mit der Crowd: Menschen überall auf der Welt bekommen von Ihnen Aufträge, um Software zu testen. Wie viele Leute arbeiten insgesamt für Testbirds?

Philipp Benkler: Wir haben knapp 100 Festangestellte inklusive zweier Franchisefirmen. Dann gibt es noch einmal 250.000 Leute in der Crowd in 193 Ländern.

ZEIT ONLINE: Was sind die Aufgaben der Crowd?

Benkler: Wir testen hier die Software von Produkten, die teilweise erst in eineinhalb Jahren auf den Markt kommen: von Roboterstaubsaugern und Waschmaschinen, neuen Apps oder Smartphones – auf all das können unsere Nutzer noch Einfluss nehmen. Viele finden das cool. Ich glaube, für viele Projekte hätten wir sie nicht einmal bezahlen müssen. Aber wir haben es trotzdem getan, keine Angst.

ZEIT ONLINE: Wie viel und wie lange arbeiten Ihre Tester?

Benkler: In Stunden kann man das nicht nachverfolgen, aber wir können es abschätzen anhand dessen, was wir ihnen auszahlen. Unsere Daumenregel lautet: zehn Euro pro Stunde. Wenn die Aufgabe lautet: Geh in den Onlineshop und kaufe einen Trainingsanzug, dann müssen die Tester das dokumentieren. Wenn wir davon ausgehen, dass sie dafür eine Stunde brauchen, gibt es zehn Euro, bei zwei Stunden 20. Für jeden Fehler, den sie finden, bekommen sie eine Zusatzauszahlung.

ZEIT ONLINE: Können die Tester davon leben?

Philipp Benkler, 29, gründete Testbirds 2011 mit Georg Hansbauer und Markus Steinhauser in München. Mittlerweile zählen die Deutsche Post, Allianz SE oder Audi zu den Kunden des Start-ups. Testbirds hat Zweigstellen in den Niederlanden und Großbritannien, außerdem zwei Franchisepartner in Ungarn und der Slowakei. © Philipp Guelland

Benkler: Es ist kein Vollzeitjob, für keinen der Tester. Bei uns verdient man auch nicht 100 Euro in fünf Minuten. Unsere Top-10-User machen einen vierstelligen Betrag im Jahr. Sie kommen vielleicht ein paar Monate hintereinander über 1.000 Euro, aber das sind schon die Heavy-heavy-User. Die durchschnittliche Auszahlung liegt zwischen 20 und 30 Euro im Monat. Unsere Testergruppe ist aufgebaut wie eine Pyramide: Es gibt ganz wenige, die jede Woche an unseren Projekten arbeiten. Ein größerer Teil macht einmal im Monat etwas für uns – und eine sehr große Zahl ist registriert, tut aber nicht viel. Es ist wie in jeder Onlinecommunity: Von den 250.000 Usern sind 80 Prozent nicht aktiv.

ZEIT ONLINE: Könnten Sie nicht mehr mit den Aktiveren arbeiten?

Benkler: Bei ganz wenigen Aufgaben ja, bei den meisten nein. Der Gedanke hinter unserem Modell ist: Ich brauche eine Community, die Software frisch und unvoreingenommen ausprobiert. Früher gab es nur ein führendes Betriebssystem, nämlich Windows, heute gibt es viele und zig verschiedene Browser und Geräte. Eine Software muss auf allen Kombinationen getestet werden, aber beim Profitester sinkt spätestens beim dritten Test das Leistungsniveau, das ist ganz natürlich. Deshalb gibt es zwar unter unseren Festangestellten Profis, die das System auf Herz und Nieren durchchecken. Aber wir wollen auch wissen, ob es auf verschiedenen Geräten und bei verschiedenen Menschen funktioniert.

ZEIT ONLINE: Dem Gesetzgeber und den Gewerkschaften wäre es lieber, wenn Sie nicht 250.000 freiberufliche Tester hätten, sondern 1.000 Festangestellte. Sie monieren: Crowdworking produziert digitale Tagelöhner, die ohne rechtliche Absicherung arbeiten.

Benkler: Wir haben jetzt rund 100 Arbeitsplätze über unser Modell geschaffen, darüber dürfte die Politik froh sein. Aber ich kann keine 250.000 Leute anstellen, die dann bloß eine halbe Stunde pro Woche beschäftigt sind, das würde auch keiner der Crowdtester wollen. Wir haben schon mehrfach Jobs in der Crowd ausgeschrieben, aber fast kein Tester hat sich beworben. Momentan haben wir 20 offene Stellen. Für viele Tester ist das Geld gar nicht der ausschließlich motivierende Treiber.

ZEIT ONLINE: Woraus schließen Sie das?

Benkler: Wir wissen sehr viel von unseren Testern. Wenn sie sich bei uns registrieren, stellen wir ihnen 65 Fragen und je mehr sie beantworten, desto öfter können sie eingeladen werden: Welche Geräte besitzen sie? Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss, Automarke, Kinderzahl. Außerdem kennen wir den Berufsstatus: Per Definition des Bundesfinanzhofs sind alle Tester Freiberufler, aber nur acht Prozent sind Selbstständige. Über 40 Prozent sind Angestellte, noch einmal 40 Prozent Studenten. Testing ist kein Job, den man 40 Stunden die Woche macht.

ZEIT ONLINE: Aber man könnte es.

Benkler: Bei uns nicht, weil wir nicht immer wieder an dieselben Leute Projekte vergeben. Wir schreiben die Projekte nicht frei aus, sondern man muss warten, bis man eingeladen wird. Selbst wenn jemand Zeit hätte, 40 Stunden pro Woche zu testen, wird er nicht automatisch benachrichtigt. Nur dann, wenn er auch zum Produkt passt.