Es war nicht Felix mit dem Firmenwagen. Nicht Cloe, die von ihrem Arbeitgeber um die Welt geschickt wird. Und auch nicht Alex, der das Doppelte von uns allen verdient und das Dreifache schuftet. Sondern Tim. Ich beneidete ihn um seine Viertagewoche. Darum, dass Tim einen Roman pro Woche liest und, sobald das Wetter über 15 Grad klettert, dreitägige Campingtrips macht. 

Auch meine Freunde sind viel neidischer auf die Viertagewoche als auf ein riesiges Einzelbüro oder eine Bahncard100 vom Unternehmen. Die Mehrheit der Deutschen ist zwar für eine Fünftagewoche, wie YouGov herausfand. Aber fast die Hälfte der befragten 25- bis 34-Jährigen hätte gern ein Wochenende, das drei Tage lang dauert und nicht bloß zwei. Amazon und Google – letzteres angeblich der Traumarbeitgeber von einem Fünftel der Millenials – experimentieren bereits mit der Viertagewoche. Ein Extratag für Sachen, die durch Broterwerb immer, immer, immer zu kurz kommen: Freunde, Arzttermine, endlich mal Auf der Suche nach der verlorenen Zeit lesen und den Kühlschrank abtauen – für mich klang das wie ein Traum.

Nachdem ich als Freelancerin angefangen hatte, musste ich für diesen Traum nichts weiter machen. Um genau zu sein, musste ich sogar weniger tun: einfach von Montag bis Donnerstag arbeiten statt bis Freitag. So zumindest die Theorie. Jeder, der sich nach einer Festanstellung selbstständig macht, weiß, dass man in den ersten Monaten und Jahren eher sechs bis sieben Tage die Woche schuftet als vier. Man muss sich etablieren. Geld beiseitelegen für Krankheitsfälle und Zeiten ohne Aufträge. Die Zukunft, in der ich irgendwann so viel verdienen würde, dass ich mich gelegentlich zurücklehnen könnte, schien unerreichbar wie die Rente. Die, wie ich befürchte, für mich so mit 85 kommt und von der ich mir wahrscheinlich eine Packung Taschentücher kaufen können werde.

Ich dachte also: Wenn eine Viertagewoche, dann jetzt. Ich hatte keine Kinder zum Durchfüttern und Fahrrad statt Auto. Ich war in der Luxussituation: Auch mit weniger Arbeit verdiente ich genug Geld zum Überleben. Zumindest sofern ich bereit war, seltener bis gar nicht auswärts Kaffee zu trinken, mit Freunden zu kochen, statt mich in Restaurants zu verabreden, keine neuen Klamotten zu kaufen und nicht mehr so weit wegzufahren.

"Nach allen Abzügen hatte ich zwar nur ein paar Hundert Euro mehr als zu Studentenzeiten. Aber wenn ich an einem Montagmittag am Spreeufer saß, war ich da, wo ich mich nach Jahren erfolgreicher Karriere vorgestellt hatte."

In Deutschland arbeitet etwa jeder Vierte in Teilzeit, die meisten davon sind Frauen. Aber mit meiner Viertagewoche hat dieses Modell wenig zu tun: Die typische Teilzeitlerin arbeitet knapp 20 Stunden – entweder weil sie keine ganze Stelle findet, oder weil sie sich um ihre Kinder kümmert oder ihre Eltern pflegt. Ich hingegen wollte die arbeitsfreie Zeit nicht für andere nutzen, sondern für mich.

Mit vier Tagen Arbeit hatte ich nach allen Abzügen zwar nur ein paar Hundert Euro mehr als zu Studentenzeiten. Aber wenn ich an einem Montagmittag am Spreeufer saß und in die Sonne blinzelte, war ich schon da, wo ich mich erst nach Jahren einigermaßen erfolgreicher beruflicher Laufbahn vorgestellt hatte. Oder nach Burn-out und beruflicher Neuorientierung als Meditationstrainerin. Und ich war etwas näher an der Vision des Ökonomen Keynes: 1930 sagte er voraus, dass unsere Einkommen in 100 Jahren um ein Vierfaches steigen würden. Alle unsere Bedürfnisse würden dann gedeckt sein, und niemand würde länger arbeiten müssen als 15 Stunden die Woche.