Na, endlich. Im Jahr 1930 sagte der Ökonom John Maynard Keynes seinen Enkeln voraus, sie würden nur noch 15 Stunden in der Woche mit der Arbeit verbringen müssen. Mehr wäre für ein gutes Leben im frühen 21. Jahrhundert nicht nötig, das war seine Mut machende Vision. Im Jahr 2017 zieht nun die IG Metall immerhin mit der Forderung nach einer 28-Stunden-Woche in die Tarifverhandlungen. Die Beschäftigten sollen die Möglichkeit bekommen, sich bei Bedarf für eine Weile aus dem Vollzeitkorsett zu befreien. Es tut sich also etwas.

Die Idee der altehrwürdigen Metaller-Gewerkschaft hat offenbar einen Nerv getroffen, gerade den der Jüngeren, die nicht mehr schuften wollen wie ihre Eltern. Deutschland redet wieder über den frühen Feierabend und den freien Freitag, und das ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin deutet darauf hin, wie ungesund lange Zeiten am Schreibtisch oder in der Fabrik sind: Wer länger arbeitet, schläft schlechter. Außerdem klagen Arbeitnehmer, die mehr Zeit im Büro verbringen, häufiger über Erschöpfung und Nervosität als diejenigen, die weniger lange am Schreibtisch sitzen. Und Hand aufs Herz: Wie viele der acht Stunden im Büro ist man denn wirklich konzentriert und produktiv? Es könnte sich auch für Unternehmen lohnen, statt wenige viel lieber viele wenig arbeiten zu lassen.

Es heißt immer, junge Berufstätige hingen nicht mehr so sehr an der 40-Stunden-Woche, lange Dienste hätten als Fetisch und Statussymbol ausgedient. Ihnen sei es wichtiger als den Generationen davor, die Kontrolle über ihre Arbeitszeit zu haben, auch einmal kürzertreten zu können, die Work-Life-Balance, wie man sagt, ausgewogen zu halten.

Flexibilität ist ein gerechter Ausgleich für eine längere Lebensarbeitszeit

Es wäre übrigens ein sehr vernünftiges Kalkül: Wer heute ins Berufsleben startet, wird bis 67 bleiben müssen – und unwahrscheinlich ist es nicht, dass das Renteneintrittsalter weiter angehoben wird. Die Jüngeren werden also mehr Jahre als ihre Eltern oder Großeltern mit der Arbeit verbringen. Wenn die Arbeitszeit aber im Großen steigt, ist es nur fair, wenn sie im Kleinen formbarer, biegsamer wird. Flexible Wochenarbeitszeiten wären ein gerechter Ausgleich für eine längere Lebensarbeitszeit.

Letztlich verlangt die IG Metall genau das: nicht unbedingt weniger Arbeit, aber dafür mehr Flexibilität. Die Beschäftigten sollen für zwei Jahre die Arbeit auf 28 Stunden reduzieren können, etwa um sich um die Erziehung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen zu kümmern – oder auch einfach nur, um ihre Freizeit genießen zu können. Einen gesetzlichen Teilzeitanspruch haben im Prinzip schon heute alle Arbeitnehmer. Der Haken daran ist bislang jedoch, dass es kein Recht gibt, die Arbeitszeit später wieder aufzustocken. Selbstbestimmung und Flexibilität gibt es bisher nur in eine Richtung. So wird Teilzeit oft zur Falle, aus der man nur herauskommt, wenn der Arbeitgeber einen lässt. So sehr man sich auch nach weniger Arbeit sehnt: Den Antrag auf Stundenreduzierung auszufüllen, ist unter diesen Umständen ein Risiko.

Im Kern zielt die Forderung der IG Metall auf ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit, das so ähnlich auch die scheidende große Koalition versprochen hatte. Das Gesetz scheiterte am Widerstand der Union. Man darf gespannt sein, ob eine Jamaika-Koalition das Thema noch einmal auf die Tagesordnung setzt. Immerhin hat ausgerechnet die Union das Rückkehrrecht in Vollzeit kurzerhand noch ins Wahlprogramm geschrieben.

Selbstbestimmung muss man sich leisten können

Es ist sinnvoll, wenn Berufstätige über ihre Arbeitszeit bestimmen dürfen. Übersehen wird dabei nur oft: Diese Selbstbestimmung muss man sich leisten können. Wer gerade einmal den Mindestlohn verdient, dürfte mit 28 Stunden kaum über die Runden kommen. Über Arbeitszeiten nach persönlichem Bedarf kann nur verhandeln, wer so ganz schlecht nicht dasteht. Geld ist Zeit.

Gut möglich auch, dass andere den Preis für das Mehr an Selbstbestimmung werden zahlen müssen. Schon jetzt ist der Arbeitsmarkt in Deutschland tief gespalten. Millionen Menschen jobben unter prekären Bedingungen, gerade die angeblich so auf die Work-Life-Balance bedachten Jüngeren sind besonders oft betroffen. Es steht ein Heer der Leiharbeiter, Soloselbstständigen und Befristeten den relativ glücklichen Festangestellten gegenüber. Ein Rückkehrrecht auf Vollzeit könnte somit heißen: Als Ersatz für die Kürzertretenden schaffen die Unternehmen nicht etwa neue feste Stellen, die Lücken überbrücken sie noch exzessiver als bislang mit Aushilfen, Projektmitarbeitern und Abrufkräften. Das wäre die Paradoxie des Fortschritts: Die Zeitsouveränität, die die einen gewinnen, nimmt anderen die Perspektiven.

Es ist schön, wenn wir endlich über Arbeitszeiten reden, die besser zum Leben passen. Über die befristete 28-Stunden-Woche, die der IG Metall vorschwebt. Warum nicht auch gleich über die 15-Stunden-Woche, die Keynes für machbar hielt. Aber wir sollten aufpassen, dass alle etwas davon haben.