Gratulation, Gin spricht für Ihren erlesenen Geschmack. Gegen die Aromen von Wacholderbeeren, Koriandersamen und getrockneten Zitronenschalen ist an sich nichts einzuwenden, wäre da nicht der Alkoholgehalt von mindestens 37,5 Volumenprozent.

Seine Sinne für das Schöne zu öffnen, ist etwas Wunderbares. Man ist kein Alkoholiker, nur weil man mal einen hebt oder nach dem Oktoberfestbesuch mit Brummschädel aufwacht. Wenn Sie jedoch glauben, Gin trinken zu müssen, um die Last des Alltags abzustreifen und einschlafen zu können, dann sind Sie auf dem besten Weg, ein Alkoholproblem zu entwickeln.

Die gute Nachricht: Es spricht für Sie, dass Sie Ihre Trinkgewohnheiten hinterfragen. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Bei Ihnen sind also Hopfen und Malz nicht verloren. Bitte den Gin dennoch nicht durch ein Bier ersetzen.

Louis Lewitan berät Unternehmer und Führungskräfte zu Konfliktlösungen und Teamwork. Zu seinen Klienten zählen mittelständische Familienunternehmen ebenso wie internationale Konzerne. © Stefan Nimmesgern

Ich gehe davon aus, dass Sie Alkohol und Entspannung inzwischen gedanklich und emotional miteinander verknüpfen. Es kommt zu einem konditionierten Verhalten: Wenn Sie trinken, antizipieren Sie körperliche und seelische Entlastung. Doch der abendliche Gin Tonic kann nur kurzfristig zu einer Spannungsreduktion führen, da Sie sich mit der Zeit an die Alkoholmenge gewöhnen. Und je länger Sie Alkohol zum Runterkommen konsumieren, umso größer ist das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln.

Ich deute Ihre Situation so, dass der durch Alkohol erzielte Entspannungszustand Folge eines fehlenden Stressmanagements ist. Sie haben bisher keine Lösung entwickelt, Ihre Arbeitslast deutlich zu reduzieren. Möglicherweise nehmen Sie Ihren langen Arbeitstag als nicht zu verändernde Gegebenheit hin. Doch vieles lässt sich verändern, wenn man bereit ist, die Konsequenzen zu tragen. Womöglich meiden Sie einen Konflikt bei der Arbeit und haben sich damit abgefunden haben, sich zu verausgaben? Unabhängig davon, ob Sie angestellt oder selbstständig sind, Selbstausbeutung schadet der Gesundheit und gefährdet letztlich den Erfolg. Der Körper sendet Ihnen die richtigen Signale. Er teilt Ihnen mit, dass es höchste Zeit ist, an die Wurzeln Ihres Problems zu gehen.

Ich darf Ihnen folgende Anregungen mit auf dem Weg geben: Halten Sie nach der Arbeit inne, greifen Sie nicht zum Gin und stellen Sie sich folgende fünf Fragen:

1.     Freue ich mich während des Tages auf meine ein, zwei Gläser Gin Tonic abends?

2.     Wie leicht fällt es mir, auf mein Ritual für eine Woche zu verzichten?

3.     Was würde passieren, wenn ich keinen Gin zu mir nehme?

4.     Wie schwer fällt es mir, mich ohne alkoholisches Getränk zu entspannen?

5.     Warum glaube ich, zwölf Stunden arbeiten zu müssen?

Es heißt: "Viele haben mit dem Alkohol kein Problem – aber ohne". Anstelle von Gin, testen Sie sich selbst. Überprüfen Sie, ob Sie sich ohne Gin tatsächlich nicht entspannen können. Und denken Sie darüber nach, ob Sie nicht an Ihrem Selbstvertrauen arbeiten sollten. Wenn Sie sich stark genug fühlen, werden Sie Ihre inneren und äußeren Konflikte direkt angehen. Und wenn Sie diese gelöst haben, spricht nichts dagegen, nach getaner Arbeit gemeinsam mit Freunden einen feinen Gin zu genießen: ob mild, herb, mit Grapefruit-Zeste oder pur.

Ich traf kürzlich den Schriftsteller und Humoristen David Sedaris, der mit dem Trinken anfing, kurz nachdem er mit dem Schreiben begonnen hatte. Selbstironisch meinte er, seine frühere Überzeugung, ohne einen Drink nicht schreiben zu können, sei in etwa so logisch wie der Glaube, nicht singen zu können, ohne ein blaues Shirt zu tragen. Sedaris trinkt seit Jahren keinen Alkohol mehr – seitdem ist er erfolgreicher denn je zuvor.

In den vergangenen Wochen hat der Psychologe und Coach Louis Lewitan für unsere Serie "Die Lewitan-Therapie" ausgewählte Fragen unserer Leserinnen und Leser zum Thema Stress im Job beantwortet. Dies ist der letzte Teil der Serie.