Was ist'n sinnvoller, als einem Menschen zu helfen? Diese Frage hört man oft, wenn man sich mit Altenpflegern oder Ärzten über ihre Arbeit unterhält. Doch die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind so schlecht, dass viele schon in der Ausbildung ihrem Beruf den Rücken zukehren. Das führt dazu, dass in vielen Krankenhäusern und Altersheimen in Deutschland Pflegekräfte fehlen. In den vergangenen Wochen hatte es Warnstreiks gegen die Personalknappheit gegeben. Der Chef der Gewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, fordert nun von der künftigen Bundesregierung, Altenheimen und Krankenhäusern eine Mindestbesetzung an Pflegekräften vorzugeben. "Heute kann es vorkommen, dass eine einzige Krankenpflegerin nachts für mehr als 35 Menschen verantwortlich ist. Darunter leiden die Patienten und die Beschäftigten", sagte Bsirske in einem Interview mit der Rheinischen Post. Wir haben mit Menschen gesprochen, die als Pfleger, Hebamme oder Arzt arbeiten – und resignieren. Als Erster erzählt der 26-jährige Altenpfleger Johannes Noltemeier (Name von der Redaktion geändert) aus Süddeutschland, warum er seinen Job kündigen will:

"Eine Arbeit mit mehr Sinn kann ich mir nicht vorstellen."
Johannes Noltemeier, 26 Jahre

"Für mich war immer klar, dass ich Altenpfleger werden wollte. Eine Arbeit mit mehr Sinn kann ich mir nicht vorstellen. Nach dem Realschulabschluss habe ich sofort mit der Ausbildung begonnen und gleich am ersten Tag war ich fassungslos: In der Pflegeeinrichtung, in der ich auch heute arbeite, wurden die älteren Menschen jeden Tag in mehrere Gruppen geteilt. Diejenigen, die noch laufen konnten und auch geistig noch relativ gut beisammen waren, wurden zusammen in den Aufenthaltsraum dirigiert. Hier war die Atmosphäre recht gut, auch die Pfleger beschäftigten sich mit ihnen, spielten Mensch ärgere Dich nicht oder schauten zusammen Fernsehen. Diejenigen aber, die bettlägerig waren, blieben meist auf ihren Zimmern. Allein. Der Aufwand, sie irgendwohin zu schieben, war zu groß.

So wird das in unserem Heim bis heute gehandhabt. Das führt dazu, dass alle diejenigen, denen es ohnehin schon schlecht geht, weil sie aus eigener Kraft nicht mehr am Leben im Heim teilnehmen können, noch mehr isoliert werden. Ich versuche, diesen Kreislauf so gut wie möglich zu durchbrechen, indem ich bei den Alleingelassenen etwas Zeit verbringe. Da ist ein ehemaliger Grenzposten der innerdeutschen Grenze, der immer von der Todeszone erzählt und wie er sich geweigert hat, auf Leute zu schießen. Manchmal bringe ich ihm eingelegten Hering aus dem Supermarkt mit, den liebt er, einem anderen stecke ich Zigaretten zu, die er heimlich raucht.

"Manchmal bringe ich ihm eingelegten Hering aus dem Supermarkt mit, den liebt er, einem anderen stecke ich Zigaretten zu, die er heimlich raucht."

Aber vieles davon muss ich in meiner Freizeit machen. Wenn ich während meiner Schicht länger in einem Zimmer bin, dann sagt der stellvertretende Heimleiter, ich sei nicht effizient, ich könne mich mit einem Einzelnen nicht so lange aufhalten. Wir haben uns deshalb schon mehrmals in die Haare gekriegt, ich habe inzwischen zwei Verwarnungen bekommen, das ist absurd. Denn ich glaube, diese kleinen Dinge, das Zuhören, der eingelegte Hering, das ist genau das, was die Alten brauchen, sie geben ihnen etwas Lebensfreude.

Aber selbst wenn man die Leitung austauschte oder ich an ein anderes Heim ginge, würde sich kaum etwas ändern. Ich bin überzeugt, fast alle Pfleger haben ihren Beruf gewählt, um für die alten Menschen da zu sein und ihnen zu helfen. Aber im Laufe der Jahre haben sie die Arbeitsbedingungen einfach abgestumpft. Ein Grund ist natürlich, dass Heime immer unterbesetzt sind: neben dem Heimleiter und seinem Stellvertreter sind wir gerade einmal drei vollausgebildete Pflegekräfte und drei Hilfskräfte. Wegen Urlaub und Schichtdienst kümmern wir uns tagsüber aber manchmal nur zu zweit um 26 Menschen.

Wir schaffen es manchmal nicht einmal, die Bettlägerigen so zu versorgen, dass sie wenigstens keine Druckstellen bekommen. Dementsprechend sind gute Heimbewohner solche, die sich nicht beschweren und nicht mucken. Die entweder klaglos vor sich hin dösen oder so selbstständig sind, dass sie keine Arbeit machen – alle anderen Heimbewohner werden eher als störend empfunden. Manchmal ertappe ich mich selbst dabei, dass ich genervt bin, wenn zu Beginn der Spätschicht ein Heimbewohner klingelt und sagt, dass er umgelagert werden will. Dabei will er eigentlich nur wissen, wer gerade Dienst hat.

"Die Arbeit ist frustrierend – für die Heimbewohner und für die Pfleger."

Aber so kann man über Menschen, die ein volles Leben hinter sich haben und jetzt in Würde alt sein wollen, einfach nicht denken. Deshalb macht mich meine an sich sinnvolle Arbeit eher unglücklich als glücklich: Ich sehe den Menschen an, dass sie Nähe und Austausch wollen – kann ihnen das aus Zeitgründen aber nicht bieten. Das schmerzt. Vor allem wenn ich sehe, wie es den Alten dabei geht. Anfangs beschweren sich viele, andere legen einen zynischen, aber auch freundlichen Humor an den Tag, manche schimpfen auf uns Pfleger, andere bemitleiden uns. Nach einigen Monaten aber sind fast alle gleichgültig geworden. Das ist frustrierend, für alle Seiten.

Angesichts der zehrenden Arbeit ist die Bezahlung auch eine Katastrophe, ich verdiene gerade so 1.600 Euro netto. Mir ging es nie darum, viel Geld zu verdienen. Aber ich werde, wenn alles gut läuft, in nächster Zeit mit meiner Freundin ein Kind bekommen – ich weiß nicht, wie wir dann finanziell klarkommen sollen. Aus all diesen Gründen überlege ich zu kündigen. Das einzige Problem: Wenn ich weg bin, wird die Situation für die alten Menschen auch nicht besser."

In den kommenden Tagen erzählen hier die Hebamme Anke Uhlig und die Chirurgin Nele Klose, warum sie ihre Arbeit gekündigt haben.