ZEIT ONLINE: Herr Professor Isfort, im Krankenhaus sinkt die Zufriedenheit der Angestellten seit Jahren und von den Altenpflegern sucht sich mehr als die Hälfte im ersten Jahr nach der Ausbildung einen neuen Beruf. Was läuft da schief?

Michael Isfort: In den allermeisten Fällen treffen hoch motivierte Menschen, die ihren Beruf als sinnstiftend und erfüllend empfinden, auf Arbeitsbedingungen, die sie überfordern. Nehmen wir einmal den Bereich Pflege im Krankenhaus: In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Pflegekräfte um zehn Prozent gesunken. Die Menge an Arbeit ist jedoch gewachsen, denn die Zahl von pflegebedürftigeren und hochaltrigen Patienten steigt. Die Folge für die Pflegenden: Eine enorm erhöhte Arbeitsbelastung. Jeder, der zum Beispiel in der freien Wirtschaft arbeitet, kennt wohl eine Situation wie die folgende: Die Deadline wird vorverlegt oder ein Kunde hat einen Eilauftrag und plötzlich steht man für eine Woche unter enormen Druck, man geht früher ins Büro und kommt später nach Hause und abends kann man auch nicht recht abschalten. Wie erleichtert ist man da, wenn man endlich geliefert hat und Durchatmen kann. Bei der Pflege aber kommt es dazu gar nicht. Da ist das Arbeiten am Limit nicht die Ausnahme, sondern ein Dauerzustand.

ZEIT ONLINE: Was macht das mit den Angestellten?

Michael Isfort arbeitet als Professor für Pflegewissenschaft und Versorgungsforschung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln. Er ist außerdem gelernter Krankenpfleger. © privat

Isfort: Grundsätzlich gibt es bei denen, die mit diesem Zustand nicht zurechtkommen können, zwei mögliche, gut untersuchte Reaktionsweisen. Die eine ist, sich selbst und seine Arbeit als mangelhaft zu bewerten und die eigenen Ansprüche hochzuhalten. Das kann in einem Burn-out enden, weil man diese Schere kaum über ein Berufsleben durchhalten kann. Die andere Variante ist, innerlich zu verhärten, das zu machen, was man zu leisten noch imstande ist und die Ansprüche herunterzuschrauben. Hier sprechen wir von einem Cool-out, was aber nicht minder gefährlich ist. Für beide gilt: Zahlreiche Untersuchungen und Reporte der Krankenkassen weisen darauf hin, dass für viele die Dauerbelastung gesundheitsschädlich ist. Muskel- und Skeletterkrankungen kommen bei Pflegekräften häufiger vor als in anderen Berufen. In den letzten Jahren hat auch die Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen wie Depressionen und Panikstörungen erheblich zugenommen. Das alles ist letztlich Ausdruck davon, dass die Menschen in dem Beruf oft überfordert sind.

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat diese Situation für die Patienten?

Isfort: Die Qualität der Pflege sinkt. Zu glauben, dass man viel mehr Arbeit mit weniger Personal bei gleicher Qualität abliefern kann, ist ja sehr naiv. Weil die Besetzung zu knapp ist und insbesondere Ausfälle Einzelner nicht mehr kompensiert werden können, muss man im Grunde jeden Morgen entscheiden, auf welche wichtige Pflegeleistung man bei wem noch am ehesten verzichten kann. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass bettlägerige Patienten nicht oft genug umgelagert werden können und dass bei Patienten, die beobachtet werden müssen, nicht mehr so oft jemand hereinschaut. Schmerzmittel werden manchmal zu spät gegeben, weil vorher niemand dazu kommt. Selbst bei der Händehygiene geht es nicht ohne Abstriche: Ein Desinfektionsmittel muss 30 Sekunden einwirken, bevor der nächste Körperkontakt erfolgen sollte. Die Zeit hat ein Pflegender aber nicht. Wenn dann ein Kollege krank ist, verschärft sich die Situation noch. Das alles steht im Widerspruch zu dem, was man in der Ausbildung gelernt hat, und das ist frustrierend. Eine psychologische Betreuung von Angehörigen und Patienten existiert mittlerweile fast nur noch als sozialromantische Vorstellung in den Köpfen von Idealisten oder in ausgewählten Bereichen, wie der Onkologie.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Situation bei den Ärzten?

Isfort: Anders als bei der Pflege schneidet Deutschland bei der medizinischen Versorgung im internationalen Vergleich sehr gut ab. Zwar hat die Zahl der Krankenhausärzte in den letzten 15 Jahren zugenommen, aber in bestimmten Fächern, zum Beispiel in der Chirurgie, sind Ärzte einer erhöhten Arbeitsbelastung ausgesetzt und arbeiten mit zu wenigen Kollegen. Hinzu kommt: Die Mediziner geraten immer mehr in einen Spagat zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Klinik und dem Selbstverständnis ihrer Profession. So bekommt mancher Orthopäde sicher die inoffizielle Information, dass die Klinik mehr Operationen am Rücken braucht, während das aber medizinisch nicht immer gerechtfertigt ist. Die Ärzte sind für die Kliniken diejenigen, die abrechnungsfähige Leistungen wie Operationen und andere Behandlungen produzieren. Der wirtschaftliche Erfolgsdruck ist in den letzten Jahren so groß geworden, dass Kliniken immer mehr als Medizinfabrik gesehen werden können.