"Ich erinnere mich an eine Mutter, deren errechneter Geburtstermin fünf Tage zurücklag. Ihr Frauenarzt hatte sie zur medikamentösen Einleitung zu uns in die Klinik geschickt. Als ich zu ihr in den Kreißsaal ging und mich ihr vorstellte, traf ich auf eine völlig aufgelöste Frau: Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass die Risiken für Probleme beim Ungeborenen stiegen, wenn es länger über dem errechneten Geburtstermin im Mutterleib bliebe. Sie war sehr besorgt und wollte so schnell wie möglich gebären. Sie fragte mich, ob nicht ein Kaiserschnitt sinnvoller sei, als die Geburt künstlich einzuleiten. Ich musste sie erst einmal beruhigen und ihr erklären, dass sie sich keine Sorgen machen braucht. Ich sagte ihr, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat. Und dass es nichts Ungewöhnliches ist, dass ihres nicht pünktlich zum Termin auf die Welt kommt.

"In den allermeisten Fällen gelingt eine Geburt ohne Eingreifen. Man muss ihr nur etwas Zeit und Zuwendung geben. Diese Zeit hat man aber nicht."
Anke Uhlig, 40 Jahre

In solchen Situationen läuft vieles dem zuwider, was ich als Hebamme gelernt habe: Die Natur hat viele Mechanismen eingerichtet, damit eine Geburt in den allermeisten Fällen ohne Eingreifen gelingt. Man muss ihr nur etwas Zeit und Zuwendung geben. Diese Zeit hat man in den Kliniken heute aber nicht und für die Zuwendung fehlt das Personal. In einigen Kliniken liegt daher die Einleitungsrate – das bedeutet, dass Geburten mithilfe von Medikamenten eingeleitet oder beschleunigt werden – bei mehr als 25 Prozent. Was für die werdenden Mütter ein ganz besonderer Moment in ihrem Leben ist, das ist für die Kliniken zu einem Abarbeiten geworden, welches immer mehr einer Legehennenbatterie gleicht.

Als Hebamme in der Klinik muss ich mich in dieses System einfügen – und es damit letztlich mittragen. Dabei sind die Einleitungen und die vielen Kaiserschnitte nur ein Teil des Problems. In den letzten Jahren hat auch die Angst vor Klagen extrem zugenommen. Das zieht sich durch alles, was mit der Geburt zu tun hat: Jeder Frau, deren Kind etwas größer im Ultraschall gemessen wird, erklärt man deshalb heute ausgiebig, dass es bei einer natürlichen Geburt zu Problemen mit der Schulter des Kindes kommen kann. Wenn ich dann eine Mutter bei der Geburt begleiten soll, die zuvor derart aufgeklärt wurde, ist sie total verkrampft. Die hat Angst vor der Geburt und vor den Risiken, der besondere Moment im Leben einer Frau ist oft nur noch Panik.

"Bevor wir eine Geburt gut betreuen können, müssen wir den Frauen erst einmal die Ängste nehmen."

Für uns Hebammen bedeutet das: Bevor wir eine Geburt gut betreuen können, müssen wir den Frauen erst einmal die Ängste nehmen. Das braucht aber Zeit, und die haben viele nicht, weil die Stationen unterbesetzt sind: In der Klinik betreue ich als Hebamme manchmal drei Frauen mit Wehen parallel, da springe ich ständig hin und her und kann manchmal gerade nur schauen, ob es dem Kind gut geht. Um mit der Mutter zu sprechen und sie zu bestärken oder zu beruhigen, habe ich viel zu wenig Zeit.

Als Hebamme Kinder auf die Welt zu bringen ist für mich bis heute das Wunderbarste, was es gibt: der Zauber, wenn ein neues Leben die Welt erblickt, verbunden mit der Erkenntnis, dass das, was hier gerade geschieht, der Sinn des Lebens ist – und das Gefühl, dass ich dazu beigetragen habe. Trotzdem habe ich im Juni meine Arbeit in der Klinik gekündigt, ich habe nicht mehr ausgehalten, dass ich unter den Bedingungen nicht annähernd so arbeiten kann, wie ich es für Mutter und Kind angemessen halte.

Ab Januar werde ich vor allem Geburtsvorbereitungskurse und Rückbildungsgymnastik in meiner Hebammenpraxis anbieten. Letztes Jahr habe ich auch eine Ausbildung zur Pilates- und Beckenboden-Trainerin abgeschlossen. Ich werde wieder Zeit haben, auf die Schwangeren einzugehen, und ihnen etwas beibringen, was ihnen später während der Geburt oder in der Zeit danach wirklich hilft. Aber ich werde die Geburten vermissen!"

In den kommenden Tagen erzählt hier auch die Chirurgin Nele Klose, warum sie ihre Arbeit gekündigt hat.