ZEIT ONLINE: Herr Schneider*, was erleben Sie häufiger: dass jemand, der vermutlich topfit ist, von Ihnen eine Krankschreibung bekommen möchte, oder dass jemand, der krank ist, unbedingt weiterarbeiten will?

Norbert Schneider: Ich arbeite seit bald 30 Jahren als Hausarzt und glaube: Präsentismus ist das viel größere Problem. Oft wollen Patienten, die wirklich krank sind und dringend eine Auszeit bräuchten, lieber arbeiten, als sich ins Bett zu legen. Sie wollen entweder möglichst kurz oder gar nicht krankgeschrieben werden.

ZEIT ONLINE:Warum wollen Menschen, die krank sind, lieber zur Arbeit?

Schneider: Es gibt sehr leistungsbezogene Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst. Die halten sich für unabkömmlich, missachten gesundheitliche Warnsignale und bemerken nicht, wenn sie sich völlig überlasten. Dann gibt es diejenigen, die Krankheit als Schwäche empfinden und sich vor ihren Kollegen auf keinen Fall schwach zeigen wollen. Das sind Leute, die zur Selbstausbeutung neigen, weil sie ihr Selbstwertgefühl aus der Arbeit ziehen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit der Angst, den Job zu verlieren?

Schneider: Gerade Mütter und insbesondere alleinerziehende Mütter haben Angst, bei Chefs und Kollegen als unzuverlässig zu gelten. Dass jemand denkt: Typisch Mutter, die hat doch neulich erst gefehlt, als das Kind krank war, die kommt ihrer Arbeit nicht nach. Diese Frauen fürchten, bei der nächsten Kündigungswelle vor die Tür gesetzt zu werden.

"Von Handwerkern höre ich immer wieder: Wir haben gerade einen wichtigen Auftrag, ich kann den Chef nicht im Stich lassen. Oder: Ich kann jetzt nicht krank sein, dann wird meinem Kollegen der Urlaub mit seinen Kindern gestrichen."

ZEIT ONLINE: Gibt es bestimmte Branchen, in denen Menschen zu Präsentismus neigen?

Schneider: Ja, vor allem in sozialen Berufen und auch da an erster Stelle bei Frauen: Kranken- und Altenpflegerinnen zu Beispiel. Das sind körperlich und psychisch belastende Berufe mit hohem Zeitdruck, Schichtdienst und Wochenendarbeit. Da höre ich oft: Ich kann die Kollegin nicht im Stich lassen. Die kommt schließlich auch, wenn sie krank ist. Manche sagen auch: Ich kann meine Patienten nicht im Stich lassen.

ZEIT ONLINE: Weil sie sich verpflichtet fühlen.

Schneider: Das gibt es auch in familiengeführten oder mittelständischen Betrieben. Von Handwerkern höre ich immer wieder: Wir haben gerade einen wichtigen Auftrag, ich kann den Chef nicht im Stich lassen. Oder: Ich kann jetzt nicht krank sein, dann wird meinem Kollegen der Urlaub mit seinen Kindern gestrichen. Von mir wollen sie dann meist nur ein Antibiotikum bekommen, damit sie schnell wieder fit sind.