Das war zu viel. Der wildfremde Kunde, dem Georgia Palmer gerade das Essen an die Haustür gebracht hatte, sprach sie mit dem Vornamen an. Danke für die Lieferung, Georgia. Sie traute ihren Ohren nicht: Woher weiß der, wie ich heiße? Was ist jetzt schon wieder los?

Seit Ende 2015 radelt die 24-jährige Studentin regelmäßig mit der magentafarbenen Thermobox des Lieferdienst-Start-ups Foodora durch Berlin, zwölf Stunden die Woche als Minijobberin. Eigentlich macht ihr das Fahren Spaß, sagt sie. Würde Foodora die Kuriere nicht immerzu mit neuen Ideen überrollen. Erst ein paar Tage, nachdem ein fremder Kunde sie im Sommer vergangenen Jahres so vertraut ansprach, sei die Erklärung gefolgt: In einer Rundmail schrieb Foodora, dass das Unternehmen den Kunden fortan die Vornamen der Fahrer übermittle – um den Service noch persönlicher zu machen. "Wieder so ein typisches Kommunikationsproblem", sagt Palmer. "Foodora ändert ständig und ungefragt die Bedingungen und meistens zum Nachteil der Fahrer." Die Namensweitergabe war für sie und viele andere Auslieferer schließlich der Anlass aufzubegehren.

Eigentlich dürfte der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen ein schwieriges Unterfangen sein in der sogenannten Gig Economy, für die Foodora ein bekanntes Beispiel ist. Gig Economy, das heißt: Die Beschäftigten arbeiten maximal flexibel, von Gig zu Gig, von Auftritt zu Auftritt, statt im Neun-bis-fünf-Betriebsrhythmus. Feste Strukturen, vertraute Kollegen, eine gemeinsame Arbeitsstätte – all das fehlt. Die Anweisung gibt die App auf dem Handy, die den Weg zum Restaurant und von dort zum Kunden weist. Lauter einzelkämpfende Arbeitskraftunternehmer, einander weitgehend unbekannt, schwer zusammenzuführen, für Gewerkschaften kaum zu erreichen und damit maximal ausbeutbar. So lautet zumindest das Klischee der digitalen Plattformwirtschaft. So lautet auch die düstere Vision einer Zukunft jenseits von Festanstellung und Normalerwerbsbiografie, als deren Wegbereiter Start-ups wie Foodora gelten.

Für uns ist es ein Riesenerfolg, dass sie mit uns reden und uns ernst nehmen.
Georgia Palmer

Doch es passiert Erstaunliches: Die Beschäftigten der Gig-Wirtschaft organisieren sich. Bei den Fahrern geschah das zunächst lose nach dem Schneeballprinzip: In Berlin-Friedrichshain, Georgias Auslieferungsbezirk, hatten einige Kuriere eine WhatsApp-Gruppe gegründet – ursprünglich eher für den lockeren Austausch gedacht als für die Vorbereitung zum Arbeitskampf. Lief man anderen Fahrern beim Essenabholen in einem der Restaurants über den Weg, fügte man sie hinzu. So wuchs erst die Gruppe, und in den Chats schnell der Unmut. "Nach der Namensweitergabe hatten wir das Gefühl, wir müssten nun mal grundsätzlich überlegen, wie man die Arbeitsbedingungen verbessern kann", sagt Georgia Palmer.

An diesem Freitag ist sie als Fahrervertreterin daher zur Verhandlung in der Berliner Foodora-Zentrale. Es ist bereits das zweite Gespräch nach einem ersten Treffen im August. Gemütlich, sagt Georgia Palmer, seien die Verhandlungen bisher nicht verlaufen, diesmal müsse Foodora endlich konkret werden. Drei Forderungen haben die Fahrer Georgia Palmer für die Verhandlungen mitgegeben: Der Stundenlohn soll von neun Euro auf zehn Euro steigen, Foodora soll eine Verschleißpauschale von 35 Cent pro Kilometer zusagen und den Fahrern eine Mindestzahl an Schichten garantieren. "Für uns ist es ein Riesenerfolg, dass sie mit uns reden und uns ernst nehmen", sagt Palmer.

Warum findet ausgerechnet eine anarchistische, kapitalismuskritische Kleingewerkschaft in der neuen, hippen Plattformwirtschaft so viel Anklang?

Erstaunlich ist nicht nur, dass die Fahrer Foodora zu Verhandlungen bewegen konnten. Sondern auch, dass die traditionellen Gewerkschaften dabei eher am Rande stehen. Im Juni luden Demonstranten in Berlin-Kreuzberg vor der Zentrale von Deliveroo, dem zweiten großen Liefer-Start-up, kaputte Reifen, alte Fahrradgestelle und rostige Ketten ab – als Protest dagegen, dass die Essenskuriere ihr eigenes Handy und Fahrrad mitbringen und für Reparaturen aufkommen müssen. Fahnen des Deutschen Gewerkschaftsbundes suchte man vergebens. Was man stattdessen überall sah, auf dem Megafon, auf Flaggen, auf Warnwesten: das Logo der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, kurz FAU, einer anarchistischen Basisgewerkschaft, der auch Georgia Palmer inzwischen beigetreten ist.

Die FAU versteht sich vor allem als Bewegung, gegründet von spanischen Anarchisten nach dem Ende der Franco-Diktatur. Die Beschäftigten sollen Basisgruppen gründen, Syndikate, und ihre Angelegenheiten möglichst betriebsnah selbst regeln, so lautet die Philosophie der Anarchisten. Hauptamtliche Funktionäre, die die Interessen der Arbeitnehmer vertreten, lehnt die FAU ab, gewählte Betriebsräte sieht sie kritisch, weil damit die Entscheidungshoheit von den Beschäftigten wegdelegiert werde. Auf der Website der FAU stößt man auf Revolutionsrhetorik, der Niedersächsische Verfassungsschutz listete die Anarchogewerkschaft vor einigen Jahren in seinem Bericht als Beispiel für Linksextremismus auf. Warum findet ausgerechnet eine anarchistische, kapitalismuskritische Kleingewerkschaft in der neuen, hippen Plattformwirtschaft so viel Anklang?