Eine Monteurin wird von ihrem Chef sexuell belästigt und weist ihn ab. Sie habe kein Interesse, sie sei in einer Beziehung. Ihr wird in der Probezeit gekündigt. Eine Auszubildende, die ebenfalls von ihrem Chef sexuell belästigt wird, möchte deshalb ihre Ausbildungsstelle wechseln. Aber sie hat Angst vor den Folgen, weil sie einen Grund für den Wechsel angeben muss.

Beide Frauen gibt es wirklich. Sie haben bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Hilfe gesucht. So wie etwa 360 andere Betroffene zwischen 2006 und 2017. Auch wenn sich längst nicht jede, die sich gegen sexuelle Belästigung bei der Arbeit wehrt, an die Antidiskriminierungsstelle wendet: Diese Zahl ist sehr niedrig. Denn laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2014 haben 60 Prozent aller Frauen in Deutschland schon sexuelle Belästigung erlebt, jede dritte der betroffenen Frauen im Arbeitsumfeld. "Die Aufschrei-Debatte hat Frauen ermutigt, über sexuelle Belästigung zu sprechen, aber die Dunkelziffer ist hoch und viele Frauen suchen keine Hilfe", sagt Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle.

Wie alltäglich anzügliche Blicke, sexistische Sprüche, der lange verharmloste Klaps auf den Po und zweideutige Angebote aber sind, zeigt sich gerade auch an den Erfahrungen, die Frauen unter dem Hashtag #MeToo teilen. Und an den Hunderten E-Mails von Frauen, die uns seit unserem Leseraufruf vor zwei Wochen erreichen.

Wir hatten unsere Leserinnen und Leser gefragt, uns sexistische Bemerkungen vom Arbeitsplatz zu schicken. Ingenieurinnen, Ärztinnen, Verkäuferinnen, Kellnerinnen antworteten – Frauen aus fast allen Berufsgruppen. Unter anderem meldete sich eine 21-jährige Aushilfskraft bei uns. Sie schreibt: "Ein Kollege hat mir unters Arbeitshemd gefasst und mich dabei umarmt." Als sie sich bei ihrem Chef beklagt habe, habe er sie von oben bis unten gemustert und gesagt: "Ich kann verstehen, warum er das getan hat."

Arbeitgeber sind eigentlich in der Pflicht, die Beschäftigten vor alldem zu schützen. Trotzdem trauen sich viele Frauen nicht, sich zu beschweren und gegen die Täter vorzugehen. Weil sie sich schämen und Angst haben, nicht ernst genommen zu werden. Weil sie befristet beschäftigt sind und sich um ihren Job sorgen. Oder weil sie die sozialen Konsequenzen fürchten: Laut einer amerikanischen Untersuchung werden Frauen, die sich über sexistische Kommentare beschweren, weniger gemocht.

Das Problem ist aber auch: Was passiert, wenn eine Frau sich wirklich wehrt? Steht das Unternehmen auf der Seite seiner Mitarbeiterin? Oder möchte es die Geschichte lieber unter den Tisch kehren? Einige Firmen zahlen den Frauen Geld für ihr Schweigen, heißt es, und versetzen die männlichen Kollegen schlicht in eine andere Abteilung. Oder die Frau wird selbst versetzt. Nichts ist peinlicher für eine Firma, als wenn so ein Fall an die Öffentlichkeit dringt.

Wir wollen von Ihnen wissen: Was haben Sie erlebt, nachdem Sie ihren Arbeitgeber auf die sexuelle Belästigung aufmerksam gemacht haben? Wie hat sich Ihr Chef verhalten? Wie haben Ihre Kollegen reagiert? Hat es Ihnen in Ihrem Beruf geschadet, dass Sie sich gewehrt haben – oder vielleicht sogar gutgetan? Schreiben Sie uns!