Als Frederick nach einer Veranstaltung seiner Firma heimgehen wollte, stellte sich ihm der Abteilungsleiter in den Weg. Es war schon spät, der Kollege war angetrunken und sagte laut: "Ach, wer ist denn der Süße? Frisch von der Ausbildung?"

"Ich empfand das als völlig unangemessen", sagt Frederick heute. Aber er sei so überrumpelt gewesen, dass er in dem Moment nichts dazu sagte, sondern freundlich antwortete und sogar das Angebot des Abteilungsleiters annahm, bald mal einen Kaffee trinken zu gehen. "Im Vergleich zu dem, was mir Freundinnen aus ihrem Berufsalltag erzählen, ist das eine Kleinigkeit", sagt Frederick. "Aber es hat mich danach beschäftigt." 

Frederick heißt in Wirklichkeit anders, so wie alle Männer, die uns von ihrer Erfahrung mit sexueller Belästigung berichtet haben. Sie haben vom Klaps auf den Po erzählt und von Kolleginnen, die Bewerbungsfotos der Praktikanten herumreichten, um "den Hübschesten" auszusuchen. Von schlüpfrigen E-Mails und anzüglichen Kommentaren im Büro. Ihren richtigen Namen wollen diese Männer nicht veröffentlicht sehen, weil sie es sich mit Kollegen und Vorgesetzten nicht verscherzen wollen.

Es gibt noch einen weiteren Grund, aus dem sie anonym bleiben wollen: Wenn über sexuelle Belästigung berichtet wird, sind meist Männer die Täter. Männer, die zum Opfer wurden, haben Angst, nicht ernst genommen zu werden. Sie fürchten den Vorwurf, dass sie übertreiben, weil sie sich ja leicht hätten wehren können.  

Ja, von sexueller Belästigung sind mehr Frauen betroffen als Männer. 17 Prozent der Frauen geben an, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren zu haben – das ist das Ergebnis einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor zwei Jahren. Allerdings haben das auch sieben Prozent der Männer schon erlebt. Beide Geschlechter beobachten und erleben am häufigsten Belästigungen durch Männer. Ein Drittel der betroffenen Männer gab aber an, schon einmal von Frauen belästigt worden zu sein. 

Schlüpfrige Witze im Büro müssen Männer sich sogar öfter anhören als Frauen

Sieben Prozent der Männer, das klingt nicht nach viel. Doch wenn die Männer nicht allgemein nach sexueller Belästigung gefragt wurden, sondern nach konkreten Vorfällen, antworteten deutlich mehr mit Ja. 19 Prozent der Männer (und 22 Prozent der Frauen) hatten sich unangemessene Fragen zum Privatleben oder Aussehen anhören müssen. Zwölf Prozent der männlichen Befragten berichteten, schon einmal unerwünscht berührt worden zu sein. Bei Frauen waren es 19 Prozent. Witze mit sexuellem Bezug oder zweideutige Kommentare hören Männer sogar häufiger als Frauen: 47 Prozent im Vergleich zu 39 Prozent hatten das erlebt. 

Auch wenn beide Geschlechter ähnliche Situationen erleben, empfinden sie Männer möglicherweise weniger als bedrohlich. "Du kannst dein T-Shirt gern ausziehen – das höre ich von Kolleginnen im Büro recht oft", berichtet Mark, ein Referent bei einem Marketing-Verband. "Ich sage dann immer: Aufschrei! Und alle lachen. Ich finde das eher nett. Ich denke auch: Die meisten Männer freuen sich darüber."

Aber es freuen sich längst nicht alle. Als Reaktion auf unseren Text über sexistische Sprüche am Arbeitsplatz meldete sich zum Beispiel ein 20-jähriger Optiker. Er arbeitet in einem kleinen Betrieb, seine Kollegen sind älter als er, die meisten von ihnen Frauen. In seiner Mail berichtet er von einem Gespräch mit einer Kollegin, die eine Putzkraft suchte: Eine andere Kollegin habe vorgeschlagen, er könne den Job doch machen. "Am besten nackt, den Staubwedel hätte ich ja vorne", schreibt er. Er bekomme oft solche Sprüche zu hören, er sei auch schon als "Frischfleisch" oder als "saftig" bezeichnet worden. Er schreibt: "Mir geht das zwar schon manchmal auf die Nerven, aber als Mann muss man so etwas wohl aushalten, wenn man nicht als überempfindlich dastehen will."

Sexuelle Belästigung anzuprangern, gilt als unmännlich

"Viele Männer, die sexuelle Belästigung erleben, wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen", sagt Matthias Becker, der seit Mai 2016 Ansprechpartner für Männer der Stadt Nürnberg ist. Er ist das Pendant zu den Frauenbeauftragten – und damit deutschlandweit der Erste seiner Art. Mittlerweile rufen ihn nicht nur die Beschäftigten der Stadt Nürnberg an, für die seine Stelle vorgesehen war, sondern Männer aus allen Ecken der Republik. Sie melden sich, weil sie zu Hause geschlagen werden, weil ihnen der Chef die Elternzeit verwehren will – oder eben weil sie sexuelle Zudringlichkeiten im Job erfahren.  

Einmal meldete sich ein Mann bei Becker, der den Annäherungen einer Kollegin immer wieder ausgesetzt war: Sie laufe so dicht an seinem Schreibtisch vorbei, dass ihr Busen dabei seinen Hinterkopf streife, sagte der Mann. Sie berühre seinen Po, wenn sie sich am Fotokopierer träfen. Als der Mann sich an seinen Chef wandte, habe der nur gesagt: "Die bedrängt dich? Das wünschst du dir wohl." 

"Dass man sexuelle Belästigung als unangenehm empfindet, gilt als unmännlich", sagt Becker. Das Klischee sage: Der Mann habe allzeit bereit zu sein, jede Avance zu goutieren. Dass auch Männer Grenzen kennen, sei nicht vorgesehen. Ähnlich beurteilt es auch die Schweizer Organisationspsychologin Marianne Schär Moser. "Es gibt ja diese Vorstellung, dass alles, was sexuell besetzt ist, für Männer positiv sein muss", sagt sie. Deswegen seien Männer manchmal hilfloser als Frauen. Welche Folgen das für die männlichen Arbeitskräfte hat, sei kaum untersucht worden. "Allgemein gibt es über sexuelle Belästigung der Männer noch zu wenig Forschung", sagt Schär Moser.  

Die wenigen Studien, die es gibt, bestätigen aber, was der Männerberater Becker in seinem Berufsalltag beobachtet hat: Männer haben es schwerer, mit ihrem Problem Gehör zu finden. In einem Experiment legten US-Psychologen der Rice University Studenten die Akten eines fiktiven Falls vor. Ein Betroffener berichtete darin, von dem Kollegen unangenehm berührt und nach einem Rendezvous gefragt worden zu sein. Das private Treffen sei wichtig für die Karriere, habe der zudringliche Kollege gesagt. In einer Version der Geschichte war der Täter ein Mann und das Opfer eine Frau, in einer anderen war es umgekehrt. Die Probanden sollten angeben, für wie glaubwürdig sie die Darstellung hielten. Das Ergebnis: Einer Frau nahmen sie die Geschichte deutlich eher ab als einem Mann.

"Es gibt diese Vorstellung, dass alles, was sexuell besetzt ist, für Männer positiv sein muss."
Marianne Schär Moser, Organisationspsychologin

Was die Forschung noch zeigt: Besonders oft trifft sexuelle Belästigung Männer, die nicht den Standardvorstellungen von Männlichkeit entsprechen – also sich weiblich konnotiert benehmen oder so aussehen. Zu diesem Schluss kam eine australische Studie, die unter anderem Beschwerden über sexuelle Belästigung auswertete, die Männer bei den föderalen Gleichstellungsbehörden einreichten. Und eine Studie der Universität Michigan bestätigt: Männer, die traditionelle Geschlechterrollen infrage stellen, wurden häufiger gegen ihren Willen angefasst oder bekamen herablassende Kommentare zu hören.

Ein weiteres Ergebnis dieser Studie aus Michigan: Wie ein Unternehmen mit sexueller Belästigung umging, beeinflusste deren Ausmaß stärker als zum Beispiel die sexuelle Orientierung der Männer. Soll heißen: Ob ein Mann zum Ziel sexueller Belästigung wird, hängt nicht nur davon ab, wie er sich verhält und ob er hetero, schwul oder bi ist – sondern es wird eher davon beeinflusst, ob er einen Arbeitgeber hat, der solche grenzüberschreitenden Verhaltensweisen toleriert.

Der "Ansprechpartner für Männer" Becker rät Betroffenen, solche Vorfälle möglichst genau zu dokumentieren – gerade weil ihnen als Männern womöglich nicht geglaubt wird. Aber das kann nur ein erster Schritt sein. "Die Verantwortung darf nicht beim Arbeitnehmer liegen", sagt die Organisationspsychologin Schär Moser. "Die Unternehmen müssen geschult werden."

Menschen brauchen ein Arbeitsklima, in dem obszöne Witze, der Klaps auf den Hintern und zweideutige Sprüche nicht toleriert werden. Egal von welchem Geschlecht sie ausgehen – und ob sie Männer oder Frauen treffen.