Deshalb macht vielen die Idee auch Angst. Sie spüren, dass dieses kapitalistische Freiheitsversprechen überholt ist. Denn plötzlich fließt das Einkommen, das ich vorher moralisch so überhöht habe, jeden Monat leistungslos auf mein Konto. Das stellt möglicherweise die eigene Lebensleistung, den bisherigen Sinn im Leben und unser ganzes Wertesystem in Frage. Bevor wir einen solch schmerzhaften Gedanken zulassen, rationalisieren wir ihn lieber zu einem scheinbaren Argument gegen das Grundeinkommen, zeigen mit dem Finger auf die anderen und behaupten: "Die gehen dann nicht mehr arbeiten."

Die zweite Phase: Freiheit aushalten lernen

Erst nach drei bis vier Monaten entspannen sich die meisten Grundeinkommensempfänger, häufig nachdem ihnen Freunde gesagt haben: Hey, gönn dir doch erst mal was! Es ist gar nicht so leicht, sich selbst zu gönnen. Natürlich können wir uns alle etwas kaufen, damit es uns kurzfristig besser geht. Aber sich Ruhe zu gönnen, durchzuatmen und freundlich mit sich selbst umzugehen, das fällt den meisten von uns schwer. Das liegt daran, dass fast alle Menschen den starken Glauben besitzen, dass sie sich ihren Wert als Mensch erst verdienen müssten. Wenn das Grundeinkommen ihnen plötzlich vermittelt, dass sie auch leistungslos wertvoll sind, dann macht das die Leute skeptisch.

In Hamburg fragte ich einen Gewinner, was ihm direkt nach dem Gewinn durch den Kopf ging. Er antwortete: "Jetzt kann ich mir endlich in Ruhe überlegen, was ich noch alles Schönes im Leben machen will." Was so luxuriös klingt, muss aber nicht unbedingt leicht sein. Mit dem Grundeinkommen entsteht die Möglichkeit, dass man ja auch etwas anderes arbeiten könnte und die eigene Identität sogar viel mehr sein könnte als nur die Jobbezeichnung. Die Fragen kommen unausweichlich: Passt meine Tätigkeit noch zu mir? Will ich wirklich so leben? Was verpasse ich gerade?

Mit Grundeinkommen muss nichts mehr so bleiben wie es ist. Gleichzeitig kann ich natürlich nicht alles ändern. Diese neue Freiheit gilt es aushalten zu lernen. Wenn das gelingt, dann tritt die dritte Phase ein, die die Kraft hat, die Welt zu verändern.

Die dritte Phase: Eigenverantwortung entdecken

Heute können sich die Menschen zwar entscheiden, wie sie sich zu Markte tragen, aber nicht, ob. Das ist keine Freiheit. Das ist totalitär. Neoliberale Politiker und Shareholder verlangen häufig "Eigenverantwortung" von Arbeitnehmern. Aber echte Eigenverantwortung kann man nicht einfordern, sondern nur selbst entwickeln.