Wenn morgens der Wecker klingelt und Sarah Neubaur* wieder schlecht geschlafen hat, bleibt sie einfach liegen. Sie geht nicht zum Arzt – und auch nicht zur Arbeit. Meistens kann sie sich am nächsten Tag wieder motivieren. Manchmal reichen zwei Tage nicht, dann geht sie zu ihrer Ärztin und lässt sich für eine Woche krankschreiben: Erkältung oder Bauchschmerzen. Insgesamt hat Neubaur in den letzten zwölf Monaten mehr als 30 Tage gefehlt. Wirklich krank war sie an diesen Tagen selten. Sie macht blau.  

Neubaur ist 21 Jahre alt und auszubildende Kauffrau bei einer privaten Krankenversicherung. Dort prüft sie Abrechnungen, acht Stunden am Tag. Eine Idiotenaufgabe, sagt Neubaur. Dazu kommen die Kollegen, die kaum Hallo sagen und den ganzen Tag aufs Handy starren. Und Chefs, die sich so wenig für ihre Mitarbeiter interessieren, dass sie nicht mal aufmerksam wurden, als Neubaur einmal mehr als sechs Wochen gefehlt hatte. "Alles hier ist mir zuwider ", sagt die Auszubildende. "Das Schlimmste ist für mich ist die fehlende Wertschätzung. Die anderen Auszubildenden und ich werden wie billige Arbeitskräfte behandelt: Wir werden nicht gefordert und gefördert, sondern runtergemacht und kleingehalten." 

Wann haben Sie zuletzt blaugemacht? Das haben wir unsere Leser gefragt und 23.000 Menschen haben den Fragebogen auf ZEIT ONLINE ausgefüllt. 19 Prozent aller Befragten haben demnach in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Tag blaugemacht. Fragt man nicht nach den eigenen Fehltagen, sondern nach denen der Kollegen, scheint das Phänomen deutlich größer zu sein: 87 Prozent der Blaumacher geben an, dass sie wissen oder vermuten, dass ihre Kollegen auch blaumachen.

Gleichzeitig geben 81 Prozent unserer Leser an, dass sie selbst in den vergangenen zwölf Monaten kein einziges Mal blaugemacht haben. Das gehört sich einfach nicht, begründen 46 Prozent in dieser Gruppe ihre Entscheidung. Immerhin 20 Prozent geben als Grund an, dass ihnen ihr Job eben Spaß mache. Fast eben so viele (16 Prozent) machen aus rationalen Gründen nicht blau. Sie antworten: "Die Arbeit bleibt nur liegen und ich muss sie am Ende so oder so machen."

51 % fehlen ohne
Attest

Obwohl so viele Menschen bei unserer Umfrage mitgemacht haben, sind die Antworten nicht repräsentativ: Blaumachen ist verboten, es verstößt gegen das Entgeltgesetz und deshalb wird nur selten darüber gesprochen. Es ist also möglich, dass einige Leute, die blaumachen, es lieber für sich behalten. Dennoch verraten die Antworten unserer Leser viel darüber, warum und wie häufig Angestellte der Arbeit fernbleiben, obwohl sie gesund sind. Im Median** fehlen die Blaumacher drei Tage im Jahr. Eine Minderheit von vier Prozent fehlt mehr als 20 Tage im Jahr, die Mehrheit (41 Prozent) bleibt der Arbeit höchstens zwei Tage fern, ohne wirklich krank zu sein. Eine Krankschreibung braucht man in vielen Unternehmen erst ab dem dritten Tag. 51 Prozent aller Blaumacher fehlen ohne Attest. 

Wie lange wird blaugemacht?

Mit mehr als 30 Tagen im Jahr gehört Neubaur also zu den extremen Blaumachern. In vielen anderen Punkten steht Neubaur stellvertretend für die 19 Prozent unserer Leser, die sich in den vergangenen zwölf Monaten krankschreiben ließen, obwohl sie nicht krank waren: Sie ist jung, Berufseinsteigerin und in einem befristeten Arbeitsverhältnis. 

Denn, das zeigen die Zahlen, die Jungen fehlen besonders häufig. Unter den 18- bis 24-Jährigen hat jeder Dritte im vergangenen Jahr mindestens einen Tag blaugemacht, unter den 25- bis 34-Jährigen waren es ein Viertel aller Befragten. Unter den über 50-Jährigen dagegen hat nur jeder Zehnte in den vergangenen zwölf Monaten blaugemacht. Je älter ein Angestellter, desto seltener macht er blau. 

Welche Altersgruppe macht am meisten blau?

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Berufserfahrung. Während jeder vierte Berufseinsteiger gelegentlich blaumacht, liegt der Anteil der Blaumacher bei den Arbeitnehmern, die schon seit mindestens zehn Jahren in einem Betrieb arbeiten, bei nur zwölf Prozent.

Sieht man sich die berufliche Situation an,  ist der Anteil der Blaumacher am größten unter den Auszubildenden (42 Prozent), Leiharbeitern (37 Prozent) und Praktikanten (34 Prozent). Von den Befragten, die gerade eine Ausbildung machen, hat sogar beinahe jeder Zweite in den vergangenen zwölf Monaten blaugemacht. 

Die Ergebnisse zeigen eindeutig: Je jünger, unerfahrener und je weiter unten auf der Karriereleiter, desto wahrscheinlicher, dass unsere Leser mal einen Tag zu Hause bleiben, obwohl sie arbeitsfähig sind. 

Nun kann man sich fragen, woran das liegt: Fehlt den Jungen die Moral? Sind sie fauler als vergangene Generationen? Stimmt es wirklich, dass den jungen Berufstätigen der Job einfach weniger wichtig ist? Oder aber liegt dieses Ergebnis weniger an den Berufseinsteigern selbst als an den Bedingungen, unter denen sie arbeiten? Müssen Auszubildende, Praktikanten und Leiharbeiter mehr Überstunden leisten als andere? Werden sie für ihre Arbeit schlechter bezahlt und weniger wertgeschätzt? Stehen die Chancen, von einem befristeten Arbeitsvertrag in einen unbefristeten zu wechseln, für Berufseinsteiger heute besonders schlecht? Sind viele schlicht überarbeitet?

Die Frage nach den Gründen fürs Blaumachen, die wir unseren Lesern auch gestellt haben, lässt eher auf die zweite Erklärung schließen. 42 Prozent der Blaumacher gaben als Grund an, dass sie "mal eine Pause brauchten". Die Schilderungen unserer Leser, die die quantitative Umfrage ergänzen, erzählen Geschichten von mangelnder Wertschätzung, von Überstunden, Ausbeutung und Belastung bis an die Schmerzgrenze.

48 % brauchten mal
eine Pause

Eine junge Leserin, die 40 Stunden pro Woche als Auszubildende in einer Praxis für Physiotherapie arbeitet und am Wochenende zusätzlich zehn Stunden in einem Fitnessstudio, berichtet, dass sie sich regelmäßig krankschreiben lasse, um für Prüfungen zu lernen. "In meiner Klasse machen es 70 Prozent so ähnlich", sagt sie. Anders gehe es kaum, wenn man sich das Geld für die Ausbildung selbst verdienen müsse. 

Ein Leser, der im Laufe eines Projekts zwei Kollegen gleichzeitig vertreten musste, obwohl er schon weit über 50 Stunden die Woche arbeitet, schreibt: "Als Schutz vor drohendem Burn-out habe ich mich krankschreiben lassen. Sozusagen aus Notwehr. Die vom Arzt angebotenen 14 Tage habe ich ohne schlechtes Gewissen angenommen." 

"Ich will den Arbeitgebern bewusst machen, dass die Arbeitsbedingungen in dieser Branche nicht akzeptierbar sind."
Ein Leser, der in der Werberanche arbeitet

Ein 23-Jähriger, der nach mehreren Jahren als Leiharbeiter in der Industrie nun eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten begonnen hat, schreibt: "Der Arbeitnehmer ist ein Werkzeug, das ausgetauscht wird, sobald es nicht einwandfrei, den Vorschriften und Erwartungen entsprechend, funktioniert. Wie Arbeitnehmer dabei physisch und psychisch ausgebeutet werden, danach fragt niemand. Denn der nächste Leiharbeiter wartet schon auf diese Stelle." 

Der Beitrag eines Lesers, in Großbuchstaben geschrieben, ließt sich wie ein Brandbrief: "Ich sehe das Blaumachen als meine Antwort auf viele lange, unbezahlte Nächte. Sonst wäre ich in wenigen Jahren völlig ausgebrannt. Ich finde diese Art von Ausgleich nur fair. (...) Ich will den Arbeitgebern bewusst machen, dass die Arbeitsbedingungen in dieser Branche nicht akzeptierbar sind." 

Der Leser arbeitet in der Werbebranche, laut unserer Umfrage die Branche mit dem höchsten Anteil von Blaumachern. Fast jeder dritte Teilnehmer aus den Bereichen PR, Marketing und Design gab an, gelegentlich nicht zur Arbeit zu gehen. PR und Marketing sind gleichzeitig auch die Branchen, in denen Überstunden, befristete Verträge und miese Bezahlung besonders häufig vorkommen. 

Ähnlich hohe Blaumachwerte gab es in den Bereichen Personaldienstleistungen, Telekommunikation, Medien und Verlage, Tourismus und Gastronomie, Handwerk und Immobilien. Am niedrigsten ist der Anteil der Blaumacher in der Automobilbranche. 

Welche Branchen haben die meisten Blaumacher?

Dass Stress in der Arbeitswelt, aber auch persönliche Krisen zu immer größeren Fehlzeiten führen, beweisen auch Studien: Krankschreibungen wegen psychischer Probleme haben in den vergangenen zehn Jahren um knapp 80 Prozent zugenommen, das fand das Wissenschaftliche Institut der AOK im Fehlzeiten Report 2017 heraus. Die Fehltage insgesamt sind im Vergleich zu vergangenem Jahr nicht gestiegen. 

"Die Frage, ob ich mich ausreichend leistungsfähig fühle, um arbeiten zu gehen, ist letztlich eine sehr subjektive", sagt der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti. "Auch Stress, Liebeskummer, persönliche Probleme können dazu führen, dass sich Menschen nicht arbeitsfähig fühlen."

Krank machen oder krank sein?

So war es auch bei der Auszubildenden Sarah Neubaur. Körperlich gehe es ihr gut, sagt sie. Aber psychisch verfolgte die Unzufriedenheit auf der Arbeit sie bis in den Schlaf. "Nachts wache ich ständig auf und am Morgen kann ich mich nicht aufraffen, für eine Arbeit aufzustehen, in der ich keinen Sinn sehe", sagt die 21-Jährige. "Das ist unheimlich belastend." Wenn es nach ihr ginge, hätte Neubaur die Ausbildung schon in den ersten Wochen abgebrochen, doch ihre Eltern setzen sie unter Druck. Als psychische Zwangslage bezeichnet Neubaur ihre Situation.   

Eine Situation, unter der sie leidet: Vor der Ausbildung hatte Neubaur noch nie an einer Zigarette gezogen. Jetzt raucht sie jeden Tag mindestens fünf, an schlechten Tagen fast eine ganze Packung. Außerdem hat sie angefangen, täglich Alkohol zu trinken. Meistens erst nach der Arbeit, manchmal auch schon mittags ein Glas Wein. Dreimal die Woche, erzählt Neubaur, habe sie einen guten Pegel. 

Neubaurs Ärztin weiß von ihrer Unzufriedenheit mit dem Job. Auch deshalb schreibt sie Neubaur ohne Weiteres krank. Sie hat ihr geraten, psychologische Hilfe zu suchen und die Ausbildung abzubrechen.

Neubaurs Fall zeigt es besonders eindrücklich: Der Unterschied zwischen krank machen und krank sein ist nicht immer so leicht zu bestimmen.  

"Eigentlich melde ich mich nur krank, obwohl ich es nicht bin, wenn meine Kinderkranktage aufgebraucht sind."
Eine arbeitende Mutter

Andere, auch das zeigen die Ergebnisse unserer Umfrage, täuschen eine Krankheit vor, wenn in Wahrheit ein Familienmitglied krank ist. Knapp jeder zehnte Blaumacher gab als Grund an, ein Familienmitglied pflegen zu müssen. Eine arbeitende Mutter schreibt dazu: "Was soll ich tun? Weder Oma und Opa wohnen in der Nähe noch andere Teile der Familie. (...) Um Konflikten, Vorwürfen, Formularkrieg und Gehaltseinbußen aus dem Weg zu gehen, melde ich mich dann eben selber krank. Welches vierjähriges Kind schafft es schon, im Jahr nur ein paar Tage krank zu sein? Eigentlich melde ich mich nur krank, obwohl ich es nicht bin, wenn meine Kinderkranktage aufgebraucht sind." 

10 % machen wegen der
Familie blau

Laut Sozialgesetzbuch stehen jedem Elternteil pro Jahr und pro krankes Kind zehn freie Arbeitstage zu. Alleinerziehende haben Anspruch auf die Gesamtzahl, das heißt 20 Tage pro Kind, maximal 50 Tage im Jahr. Die Zahl der Fälle, in denen sich Eltern wegen einer Erkrankung ihres Kindes arbeitsunfähig melden, hat sich laut Gesundheitsministerium in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. 2016 wurden 2,45 Millionen solcher Fälle registriert, 2007 noch 1,06 Millionen.

Möglich also, dass Eltern, die wegen kranker Kinder häufig der Arbeit fern bleiben müssen, Konsequenzen fürchten und deshalb blaumachen. "Elternzeit zu nehmen, ist mittlerweile akzeptiert; zu Hause zu bleiben, weil die Kinder krank sind, ist es noch lange nicht so", sagt auch Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Brantner, die im September eine kleine Anfrage zu dem Thema an das Gesundheitsministerium stellte.  Etwas höher liegt der Anteil derer, die bei den Gründen fürs Blaumachen nannten: "Ich musste mich um meine Kinder/Familie kümmern"; übrigens unter den Männern.  

Notwehr. Ausgleich für unbezahlte Überstunden. Angst vor Gehaltseinbußen: 70 Prozent aller Befragten, die blaumachen, gaben an, dabei kein schlechtes Gewissen zu haben. Versprechen Arbeitgeber mehr, als sie halten können, dann stellen Angestellte über das Blaumachen eine gefühlte Gerechtigkeit wieder her. Sie nehmen sich, was sie eigentlich verdient hätten – so lassen sich die Angaben lesen.

70 % haben kein
schlechtes Gewissen

Der Arbeitspsychologe Rigotti bestätigt diese Beobachtung. "Ein ruhiges Gewissen habe ich nur dann, wenn ich denke, dass mein Arbeitgeber mir etwas schuldig ist", sagt er. "Wird in einem Unternehmen viel blaugemacht, ist nicht der Einzelne schuld, sondern das System." Wenn Mitarbeiter permanent überfordert sind und sich Erholung in der bezahlten Arbeitszeit nehmen müssen, dann sei die Arbeit nicht gut gestaltet. Woran es mangelt, sei in vielen Fällen sehr einfach zu benennen: ausreichend Personal, regelmäßige Feedbackgespräche und Teilhabe der Beschäftigten an Entscheidungen und der Arbeitszeitplanung. 

Nur wenn die Unzufriedenheit noch grundsätzlicher ist, bringen auch die besten Rahmenbedingungen nichts. Florian Breng* mangelt es weder an Geld noch an Urlaubstagen. Breng ist 41 Jahre alt und arbeitet seit knapp acht Jahren als Ingenieur bei einem Personaldienstleister, der ihn für Projekte an Großkunden wie Siemens verleiht. Er verdient 70.000 Euro brutto im Jahr, jährlich steigt sein Gehalt um zwei bis fünf Prozent an. Sein Arbeitgeber veranstaltet regelmäßig After-Work-Events, opulente Sommerfeste und Weihnachtsfeiern. Bei Problemen könne er immer gut mit seinen Vorgesetzten reden. Das Verhältnis zu den Kollegen sei entspannt.

Trotzdem macht Breng regelmäßig blau. In schlechten Jahren, erzählt Breng, ging er 30 Tage im Jahr nicht zur Arbeit. Er war viel krank, ein Drittel davon, also zehn Tage, habe er einfach blaugemacht. Warum?

"Wer über so lange Zeit unterfordert ist, der wird träge und verliert den Glauben an das eigene Können."
Florian Breng, Leiharbeiter

Mir fehlt die Verantwortung, sagt Breng: Da seine Kunden nie wüssten, wie lange er als Leiharbeiter in einem Projekt bleibt, bekommt er kaum verantwortungsvolle Aufgaben übertragen und wird nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden. "Ich führe nur Aufgaben aus, die Entstehung und das Abschließen einer Aufgabe verantworten fast immer die Festangestellten. Über das Warum wird man als Leihingenieur weitestgehend im Unklaren gelassen", sagt Breng. "Das frustriert auf Dauer sehr." Immerhin vier Prozent aller Blaumacher gaben an, wie Breng bei der Arbeit unterfordert zu sein. 

Breng ist trotzdem acht Jahre geblieben. Ihm fehlte die Energie, sich woanders zu bewerben. "Wer über so lange Zeit unterfordert ist, der wird träge und verliert den Glauben an das eigene Können", sagt er. Mithilfe eines Headhunters hat Breng nun doch einen anderen Job gefunden. Diesen November hat er als festangestellter Prüfingenieur bei einem Automobilzulieferer angefangen – der Branche mit dem niedrigsten Anteil von Blaumachern. 

 Illustrationen: Jannis Paetzold, Bureau Chateau

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.
** Der Median (auch Zentralwert genannt) ist der Wert in der Mitte einer der Größe nach geordneten Datenreihe. Im Vergleich zum Durchschnitt ist der Median unempfindlicher gegenüber Extremwerten.