Mindestens 30 Minuten Pause, so ist es gesetzlich verankert. Die Mittagspause, eine Institution der deutschen Arbeitswelt seit 1839, ist ein wichtiges Arbeitnehmerrecht – das allerdings aus einer Zeit stammt, als Multitasking noch ein Fremdwort war und die Schreibmaschine gerade erst erfunden. Heute ist die Pause akut bedroht. Jeder Fünfte nimmt sie nicht mehr, wie ver.di herausfand. Eine Unkultur, die uns allerdings nicht überraschen sollte: Die Mittagspause hat viele Feinde.

Der erste Feind: der gefühlte Zeitmangel

Schwer zu sagen, was das Deprimierendste ist. Das bläuliche Kunstlicht, die leeren Blicke, die schwitzigen Styroporboxen oder das fettige Essen voller Geschmacksverstärker, das sich die rückenkrummen Büromonaden alleine vor dem Computerbildschirm reinziehen – weil: keine Zeit.

Die Fotos, die Brian Finke 2016 in zehn amerikanischen Firmen zur Mittagszeit machte, gingen um die ganze Welt. Sie sind ein Sinnbild der digitalisierten Arbeitswelt, zeigen sie doch den Office-Worker an einer besonders symptomatischen Stelle seines gehetzten Daseins, beim sogenannten desktop dining. In den USA verbringen etwa 62 Prozent der Büroarbeiter so ihre "Pause". Ein gemeinsames Mittagessen gilt da schon fast als verhaltensauffällig, hart an der Grenze zur Arbeitsverweigerung. "Lunch is for wimps", sagte der legendäre Fiesling Gordon Gekko in Wall Street. Lunch ist für Luschen. Das war 1987. Heute ist der Satz längt ein Klassiker der Bürohumors. Und keine kühne Behauptung mehr, sondern eine banale Beschreibung des Alltags.

Der zweite Feind: der schnelle Snack

Unter all diesen agilen Leistungsträgern extrem populär: der Snack. Er gibt vor, nur eine harmlose Zwischenmahlzeit zu sein, untergräbt so aber die Pausenkultur. Wer keine Mittagspause nimmt, futtert sich meist unstrukturiert durch den Tag. Schön anzusehen ist das Gesnacke eher selten. Da gibt es Kollegen, die nicht finden, dass man eine Pizza am selben Tag essen muss, an dem sie gebacken wurde. Manche horten heimliche Saucenlager in ihren Schubladen oder veranstalten Langzeitexperimente mit Schimmelkulturen im Kühlschrank. Es gibt natürlich Ästheten. Die drapieren einen Apfel, eine Birne und ein paar Trauben so neben dem Bildschirm, als gelte es, ein Barock-Stillleben nachzustellen. Aber wie viele – von Obst gesättigte – Ästheten bevölkern schon die Bürowelt? Und man muss auch kein Misophoniker sein, um sich von den dauernden Essgeräuschen im Großraumbüro belästigt zu fühlen.

Das Schlimmste ist allerdings, was man weder riecht, hört oder sieht, nämlich die Bakterien. Auf einem Schreibtisch befinden sich 400 Mal mehr Bakterien als auf einem Klositz, wie Mikrobiologen der Universität Arizona herausgefunden haben. Nachschlag? Auf der Tastatur sind es 67 mal mehr, auf der Maus 34 mal mehr. Guten Appetit!

Der dritte Feind: komplizierte Kollegen

Zu einer gelungenen Mittagspause gehört natürlich gute Gesellschaft. Also die Kollegen. In einem durchschnittlichen Büro sitzen heute: Veganer, Paläo-Esser, Selbstmitbringer, Für-mich-heute-nur-einen-kleinen-Salat-Esser und was es sonst noch so an kulinarischen Sektierern gibt. Was nicht heißen soll, dass der "Normalesser" frei von Ideologie sei. Im Gegenteil. Ein Schnitzeltag-Hardliner kann die Runde genauso sprengen wie der Rohköstler. Dann gibt es die, die schon um 11.30 Uhr zum Essen müssen, und die, die vor 14 Uhr wirklich gar nichts runterbringen. Schwierig in Zeiten atomisierter Essgewohnheiten, sich da irgendwie zu einigen. Schade, denn ein gemeinsames Mittagessen steigert erwiesenermaßen die Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz.