Die Hilferufe sind kurz und sachlich. Doch was die Formulare erzählen, klingt bedrohlich: "Gefährdung des Personals durch eingeschränkte Hygiene", heißt es in einem von ihnen. In einem anderen Dokument steht: "Zeitnahe Medikamenten-Gabe nicht möglich." Oder gar: "Pat. postoperativ kollabiert, Präsenz beim ersten Aufstehen konnte nicht gewährleistet werden, → Rea." Was bedeutet, dass ein frisch operierter Patient zusammengebrochen war und wiederbelebt werden musste, weil niemand bei ihm war, als er versuchte, das erste Mal selbständig aufzustehen.

Die Sätze stammen aus internen Dokumenten deutscher Krankenhäuser. Es sind sogenannte Überlastungs- oder Gefährdungsanzeigen. Jeder Arbeitnehmer ist verpflichtet, seinen Arbeitgeber darauf hinzuweisen, wenn er sich überlastet fühlt oder ihm Gefahren drohen. Verzweifelte Pflegekräfte beschreiben darin ihren frustrierenden Alltag und immer wieder auch lebensbedrohliche Situationen. Ob Unfallchirurgie, Psychiatrie oder Intensivstation – das Problem ist überall das gleiche: Zu wenige Krankenschwestern und Pfleger müssen sich hierzulande um zu viele Patienten kümmern. Solche schriftlichen Gefährdungsanzeigen sind ihr Versuch, ihre Arbeitgeber auf das tägliche Drama hinzuweisen. Sie fordern endlich Hilfe, für sich und für ihre Patienten.

Normalerweise verschwinden diese Hilferufe in den Schubladen der Klinikleitungen. ZEIT ONLINE hat mehr als 100 solcher Überlastungsanzeigen aus einem Dutzend Kliniken ausgewertet und zusammen mit dem ARD-Magazin Report Mainz die Situation recherchiert. Egal ob das entsprechende Krankenhaus einem privaten Träger gehört, kirchlich oder kommunal organisiert ist, überall ist das Missverhältnis zwischen Pflegepersonal und Patienten so groß, dass Pfleger und Krankenschwestern nahezu gezwungen sind, die Patienten und sich selbst in Gefahr zu bringen.

Die Einsicht in die Gefährdungsanzeigen und die Gespräche mit den Betroffenen waren nur unter dem Schutz der Anonymität möglich. Sie alle fürchten Konsequenzen, sollten ihre Namen bekannt werden. Dabei darf das, was sie erzählen, keinesfalls geheim bleiben. Denn in den internen Anzeigen klingt der alltägliche Ausnahmezustand beispielsweise so: "War ab 16 Uhr alleine für die ganze Station zuständig. Außerdem musste ich zwischendurch Station sechs unterstützen, weil sonst eine Gewährleistung der Mindestversorgung nicht gegeben wäre."

Werden Tote in Kauf genommen?

Seit Jahren ist dieser Mangel bekannt. Immer wieder streiken Pflegekräfte, um auf ihre Arbeitsbedingungen hinzuweisen. Doch das ändert wenig. Wer die internen Dokumente liest, bekommt den Eindruck, dass die Betreiber von Kliniken bei ihrem Versuch, Profit zu machen, Tote geradezu in Kauf nehmen. Denn um Profit geht es. Konzerne machen ihren Krankenhäusern eindeutige Vorgaben, wie viel Prozent Gewinn sie zu erwirtschaften haben.

Solche Gewinnmodelle wirken auf die gesamte Branche. Wenn private Krankenhäuser von den Fallpauschalen eine Rendite abzweigen können, machen auch andere Träger Druck auf ihre Häuser. Die Auswirkungen lassen sich daher auch bei jenen betrachten, die eigentlich keinen Gewinn machen müssten.

Im Diakonie-Klinikum in Stuttgart gibt es eine Intensivstation mit acht Betten. Um medizinisch und menschlich korrekt arbeiten zu können, müssten die acht schwer kranken Patienten von vier Pflegekräften betreut werden. So zumindest fordert es die Empfehlung der Fachgesellschaft Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Denn Intensivmedizin ist heutzutage so aufwändig, dass sich ein Pfleger um nicht mehr als zwei Patienten gleichzeitig kümmern sollte. Doch auf dieser Station beträgt bereits die von der Klinikleitung vorgegebene Sollbesetzung nur drei examinierte Pflegekräfte. Und selbst diese Zahl wird oft nicht erreicht, wie Überlastungsanzeigen aus dem Haus belegen.

Der ärztliche Direktor der Klinik, Rainer Meierhenrich, gibt das im Gespräch mit Report Mainz sogar zu. Über Details wolle er nicht reden, sagt er, gesteht aber ein, dass man zu wenig Pflegekräfte habe. Meierhenrich sagt: "Es hat zu keiner Zeit eine Patientengefährdung stattgefunden."

Seine Mitarbeiter sind anderer Meinung. Sie haben im Juli 2017 einen Brief an die Klinikleitung geschickt, der ZEIT ONLINE und Report Mainz vorliegt. "Gefährliche, unverantwortliche Pflege" steht fett gedruckt darüber. Die Mitarbeiter beschreiben darin eine Schicht im Sommer 2017, in der nur zwei Pfleger anwesend waren. Zu Schichtbeginn wurden drei Patienten auf der Station betreut, die übrigen Betten waren leer. Das war so lange unproblematisch, bis einer der beiden Pfleger mit einem Kranken zum CT fahren sollte und gleichzeitig zwei zusätzliche Patienten aufgenommen werden mussten. Trotz ihres kritischen Zustandes dauerte es, bis sich der eine Arzt und der eine übrig gebliebene Pfleger um sie kümmern konnten. Während dieser Zeit verschlechterte sich der Zustand des ersten wartenden Patienten so stark, dass er intubiert und beatmet werden musste. Damit beschäftigt, bekam jedoch niemand mit, dass sich bei der zweiten Neuaufgenommenen die automatische Infusionsspritze mit einem überlebenswichtigen Medikament geleert hatte. Als Folge davon wurde ihr Gehirn für eine unbekannte Zeit schlecht durchblutet und sie bekam nicht genug Sauerstoff. Als es endlich bemerkt und behoben wurde, sei es fast zu spät gewesen, sagt eine der Krankenschwestern, die auf dieser Intensivstation arbeitet. "Das war knapp an der Katastrophe vorbei."

"Nur einmal am Tag gefüttert"

Das ist ein drastischer Fall, er mag nicht alltäglich sein. Doch auch die übrigen Schilderungen, die sich in Überlastungsanzeigen aus anderen Krankenhäusern finden, sind bedrohlich. Viel zu oft schaffen es die Mitarbeiter nicht einmal, sich um die grundlegenden Bedürfnisse der Kranken zu kümmern. "Die Pflege hat nur ein Viertel der Patienten gesehen und versorgt. Der Rest war sich acht Stunden selbst überlassen", heißt es in einer Überlastungsanzeige. In einer anderen steht: "Grundpflege nicht mehr korrekt durchführbar, Verbände können nicht mehr gemacht werden, wie es sich gehört. Patienten werden nur noch einmal am Tag gefüttert."

Die internen Anzeigen zeigen das und noch viel mehr: Medikamente werden zu spät oder gar nicht gegeben, die Überwachung Schwerkranker geschieht nur lückenhaft, sogar für das regelmäßige Umlagern von bewegungsunfähigen Patienten – eine selbstverständliche Vorsorge – ist zu wenig Zeit. Die Folge können schwere Schäden wie Druckgeschwüre sein. Auch die Dokumentation der Arbeit wird vernachlässigt. Zitat aus einer Anzeige: "Routinearbeiten waren nicht zu schaffen, regelmäßiges Lagern eines Pat. zeitlich nicht möglich, die Versorgung der frisch operierten zeitnah nicht möglich, Verteilung aller Schmerzmittel nicht zu den angeordneten Zeiten möglich, auch Antibiosen und Infusionen werden nicht zeitgerecht verabreicht."

Mit den Kranken reden, ihnen menschliche Teilnahme entgegen bringen? Dafür ist keine Zeit. Nur das Nötigste und das so schnell wie möglich, lautet das Prinzip. "Wir können unsere Patienten nicht mehr fachgerecht versorgen", sagt die Intensivschwester aus Stuttgart. Für sie, die wie viele andere den Beruf ergriffen hatte, um anderen Menschen zu helfen, ist das eine Kapitulationserklärung.

Die Betreiber widersprechen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat im Sommer eine Befragung zur Personalsituation auf Intensivstationen veröffentlicht. Dafür wurden mehr als 1.000 Kliniken befragt, knapp 300 antworteten und konnten in einer Selbstauskunft angeben, wie das Pflegeverhältnis dort ist. "Wie die repräsentative Studie zeigt, ist die Versorgung der Patienten objektiv gut", erklärte die DKG anschließend. Im Jahresdurchschnitt kümmerten sich Pflegekräfte auf Intensivstationen um 2,2 Fälle pro Schicht.

Mehr Patienten, gleich viele Pflegekräfte

Auf Intensivstationen mag die Lage vergleichsweise gut sein, auch wenn die Schwester aus Stuttgart etwas ganz anderes berichtet und wenn die Überlastungsanzeigen verschiedener Kliniken etwas anderes belegen. Nach den ZEIT ONLINE vorliegenden Gefährdungsanzeigen liegt das Verhältnis auf Intensivstationen im Schnitt eher bei drei Patienten pro Pfleger, in einem Fall waren es sogar fünf, die von einem Mitarbeiter allein betreut werden mussten. Das gilt für den Frühdienst. In Spät- und Nachtdiensten ist das Verhältnis viel schlechter.

Daten des Statistischen Bundesamtes belegen die schleichende Katastrophe: Die Zahl der Pflegekräfte in Krankenhäusern ist demnach heute fast genauso hoch wie vor 20 Jahren (siehe Grafik). Im gleichen Zeitraum ist jedoch die Zahl der Behandelten von 1,6 auf fast 2 Millionen Fälle pro Jahr gestiegen. Gleichzeitig sank die Zeit, die die Patienten in der Klinik verbringen, sie werden nach Operationen immer früher entlassen – was bedeutet, dass die Pflegekräfte sich um immer kränkere Menschen kümmern müssen.

Deutschland ist damit Letzter im europäischen Vergleich. Im Durchschnitt ist laut einer Studie der EU-Kommission eine ausgebildete Pflegekraft hierzulande für 13 Patienten zuständig. In norwegischen Kliniken sind es nur fünf pro Pfleger oder Krankenschwestern. Selbst wenn alle Aushilfskräfte und Pflegeschüler hinzugezählt werden, liegt das Verhältnis hier noch bei eins zu zehn. In Norwegen dagegen sinkt es dann auf eins zu drei.

Dabei sind diese Zahlen nur ein Durchschnittswert. Wie extrem der Mangel werden kann, zeigt die Auswertung der vorliegenden Gefährdungsanzeigen. Im Spätdienst kann das Betreuungsverhältnis demnach bis auf Werte von eins zu 16 steigen. Im Nachtdienst ist eine Schwester oder ein Pfleger auf einer normalen Station dann manchmal sogar für 40 bis 50 Patienten verantwortlich.

Kampf um die Pflegequote

"Warum führen Sie nicht endlich eine Quote ein, wo man sagen kann, eine Pflegekraft betreut maximal soundso viele Patienten? Das muss doch in einem Land wie Deutschland möglich sein." Diese Frage stellte der junge Krankenpfleger Alexander Jorde im Herbst Bundeskanzlerin Angela Merkel in der ARD-Sendung Wahlarena. In vielen Ländern gibt es solche Vorgaben. Studien beweisen, dass dadurch die Qualität der Pflege steigt und die Belastung der Beschäftigen sinkt.

In Deutschland jedoch kämpfen Klinikbetreiber und Krankenkassen gemeinsam gegen solche Normen. Eine Vorgabe existiert bislang nur für neonatologische Intensivstationen, also für Frühgeborenenstationen. Allerdings wurde sie durch eine Übergangsregelung so verwässert, dass die Kliniken die Anforderung bis Ende 2019 nicht erfüllen müssen.

Der Gesetzgeber fordert außerdem von den Krankenhäusern, dass sie sich bis Ende Juni 2018 für alle anderen Bereiche selbst verpflichten, "Personaluntergrenzen für sogenannte pflegeintensive Bereiche" einzuführen. Doch bis jetzt gibt es keine konkreten Werte, die Verantwortlichen würden gern erst einmal Studien anfertigen, wie viel Personal überhaupt in der Pflege notwendig ist. Außerdem verhandelt die Deutsche Krankenhausgesellschaft seit Monaten mit dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) darüber, was pflegeintensive Bereiche überhaupt sind. Wie interne Unterlagen zeigen, die ZEIT ONLINE einsehen konnte, will die Krankenhausgesellschaft lediglich für Geriatrie- und Neurologiestationen eine Personalgrenze, der GKV will sie sogar nur für neurologische Abteilungen. Dabei hatte das Gesundheitsministerium klar gesagt, zwei Bereiche seien zu wenig.

Grit Genster, die bei der Gewerkschaft ver.di den Bereich Gesundheitspolitik leitet, beobachtet den Mangel seit Jahren und sagt: "Wir fordern, dass der Gesetzgeber klare Vorgaben formuliert, wie viele Patienten ein Pfleger höchstens betreuen darf." Personaluntergrenzen für einige wenige Bereiche würden nicht weiterhelfen, da dann Personal von anderen Stationen abgezogen würde. "Den Kliniken muss verbindlich vorgegeben werden, wieviel Pflegepersonal insgesamt für eine sichere und gute Patientenversorgung notwendig ist." Die Gefährdungsanzeigen machen deutlich, dass solche Vorgaben Leben retten können.

Keine Zeit für Desinfektion

So scheint es in Kliniken längst akzeptierter Alltag zu sein, dass die Pflegekräfte nicht mehr genug Zeit haben, sich so oft wie notwendig die Hände zu desinfizieren oder saubere Wäsche anzuziehen. Wer sich die Hände desinfiziert, muss das Mittel dreißig Sekunden lang wirken lassen, damit es alle Keime tötet. Dreißig Sekunden sind eine lange Zeit, weil das vor und nach jedem Patienten mindestens einmal passieren muss – bei infektiösen oder immunschwachen Patienten auch zwischen den einzelnen Handreichungen und damit mehrmals. Allein für die Händedesinfektion müssten bei jedem Pflegenden täglich zwei Stunden Arbeitszeit eingeplant werden, hat die Gewerkschaft ver.di ausgerechnet.

"Einhaltung von hygienischen Richtlinien nicht möglich", heißt es jedoch beispielhaft in einer Gefährdungsanzeige. Immer wieder findet sich der Hinweis, dass aufgrund der Personalknappheit für korrekte Desinfektion nicht genug Zeit gewesen sei. Dadurch aber drohen Wundinfektionen und die Verbreitung lebensgefährlicher resistenter Keime.

Die Folgen sind nicht nur für die Patienten lebensbedrohlich. Auch die Pflegekräfte bringen sich so in Gefahr. Dazu drohen ihnen Stress, Ohnmachtsgefühle und körperliche Überlastung. Auch das belegen Zahlen. In kaum einem Beruf ist der Krankenstand so hoch wie beim Pflegepersonal.

Was ist die Ursache für diese Katastrophe? "Die Finanzierung über Fallpauschalen setzt die falschen Anreize: Für die Kliniken sind Operationen finanziell besonders attraktiv, die Pflege ist dagegen kaum erlösrelevant", sagt Genster von ver.di. Es werde also immer mehr operiert, um mit möglichst geringem Aufwand mehr Geld einzunehmen, bei der Pflege jedoch werde aus dem gleichen Grund gespart. Das führe zu noch mehr Belastung, da sich weniger Pflegekräfte um viel mehr Patienten kümmern müssten.

Genster vermutet dahinter System. Täglich versuchten Beschäftigte, den Personalmangel auszugleichen: Pausen würden nicht genommen, ständig werde aus der Freizeit eingesprungen. "Viele Klinikunternehmen nutzen diese Empathie, das Engagement und die Geduld der Pflegefachkräfte schamlos aus. Dabei konnte mir bislang noch niemand plausibel erklären, warum Krankenhäuser, die über Steuern und Krankenversicherungsbeiträge finanziert werden, Gewinn machen müssen", sagt Genster.

Hilferufe der Mitarbeiter ignoriert

Ein Satz, der sich immer wieder in den Gefährdungsanzeigen findet, lautet: "Ich würde mich sehr freuen, wenn sie auch einmal gelesen würden." Viele haben resigniert. "Wir schreiben wenige Überlastungsanzeigen – aus der Erfahrung heraus, dass kaum etwas daraus folgt", sagt eine Frau, die in einer privaten Klinik in Brandenburg angestellt ist. "Es gibt keine Reaktion der Geschäftsführung."

Das beschreibt auch die Krankenschwester von der Stuttgarter Intensivstation. "Wir sagen, wir gefährden hier Menschen, und sind froh, wenn wir keinen umbringen – von der Geschäftsführung hingegen kommen nur dumme Sprüche, wir sollten durchhalten, das werde bald besser."

Bislang aber wird gar nichts besser. Auch das zeigen die Gefährdungsanzeigen. Aus zwei Kliniken liegen ZEIT ONLINE Dokumente vor, die Jahre zurückreichen. Immer wieder warnten dort Mitarbeiter, ganz offensichtlich ohne Ergebnis. "Das Problem ist hausgemacht. Krankenhäuser haben jahrelang nicht genug Pflegepersonal ausgebildet", sagt Genster. Von dem Nachwuchs, der ausgebildet werde, suche ein großer Teil schon während oder kurz nach der Ausbildung das Weite, weil die Belastung so groß sei. "Die Bedingungen müssen sich verbessern, das geht nur über mehr Personal."

Wer warnt, wird abgemahnt

Doch nicht nur, dass die Kliniken kaum etwas gegen Notstand tun, sie gehen sogar noch gegen jene vor, die sich darüber beklagen. "Überlastungsanzeige – da bekommt man sofort eins auf den Deckel und wird zum Gespräch gebeten und man muss sich rechtfertigen, warum man eine Anzeige macht", heißt es in einem anonymen Brief einer Pflegekraft, der die Gewerkschaft ver.di erreicht hat. Statt Hilfe gebe es nur Vorwürfe, die Überlastung zeige nur, man sei nicht für den Beruf geeignet.

Manche Arbeitgeber gehen sogar noch weiter. Wie die psychiatrische Asklepios Klinik in Göttingen. Dort beschwerten sich zwei Krankenschwestern per Gefährdungsanzeige über den anhaltenden Personalmangel. Bei einer der Schichten, um die es ging, sei die eine der beiden Schwestern auf der psychiatrischen Station mit 21 Patienten zeitweise allein gewesen, sagt Julia Niekamp von ver.di Göttingen. Statt neuer Kollegen hätten die Schwestern jedoch kurz darauf Abmahnungen bekommen. Darin habe gestanden, es sei eine völlig normale Situation gewesen, die keine Überlastungsanzeige rechtfertige. Die Mitarbeiter hätten das falsch beurteilt. Dabei kennt das Gesetz eine solche Sichtweise nicht. Ausschlaggebend ist allein der Eindruck des Arbeitnehmers.

Die Krankenschwestern klagen nun gegen die Abmahnung, ein Urteil steht noch aus. Bei ver.di ist man entsetzt, wie weit die Betreiber gehen: "Hier wird versucht, auf massive Weise Beschäftigte einzuschüchtern, die nicht bereit sind, eine Gefährdungssituation in der Klinik hinzunehmen", sagt Niekamp.

Es ist kein Wunder, dass kaum jemand offen über seinen belastenden Alltag berichten will. Dabei seien es Tausende Kolleginnen und Kollegen, "die das Gleiche erzählen", sagt die Intensiv-Krankenschwester aus Stuttgart. Damit sich endlich etwas ändere, "müssten mehr von ihnen aus dem Schatten treten und über ihre Lage reden".

Mehr dazu sehen Sie im ARD-Magazin Report Mainz. Es berichtet am heutigen Dienstag um 21.45 ebenfalls über den Mangel an Pflegekräften.

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