Nach dem ersten Mal, als ich Sex mit einem Freier hatte, schaute ich lange in den Spiegel. Ich dachte: Etwas müsste jetzt doch anders sein. Mein Gesichtsausdruck vielleicht oder etwas in meinem Blick. Aber alles war wie immer. Mein erster Kunde war sehr unauffällig gewesen. Um die 40, weder dick noch dünn, ich sah solche Männer jeden Tag Hunderte Male auf der Straße. Der Sex war okay. Dass dieser Sex Arbeit war, auch.

Ich bin nicht zur Prostitution gekommen, weil ich das Gefühl hatte, keine andere Wahl zu haben. Ich war 19, Studentin und brauchte einen Nebenjob. Ich dachte an Büroarbeit oder Kellnern, ging dann aber aus Neugier zu einem Informationsfrühstück der Prostituiertenorganisation Hydra. Eine der Prostituierten sagte zu mir: "Stell dir ein volles S-Bahn-Abteil vor. Denk an die Körper und die Gesichter der Männer. Könntest du dir vorstellen, mit jedem zweiten von ihnen Sex zu haben?" Ich konnte.

Keine Frage: Prostitution ist harte Arbeit, die einem emotional und körperlich extrem viel abverlangt und die für die wenigsten Frauen infrage kommt. Aber im Verhältnis zu den anderen Optionen, die ich als 19-Jährige hatte, war es für mich das Befreiendste, was ich tun konnte. Zumindest erschien es mir befreiender als eine Einser-Karriere an meiner männerdominierten Philosophie-Fakultät, wo ich nach den Regeln alter Herren spielen musste. Im Puff habe ich meine eigenen Regeln gemacht. Ich habe bestimmt, was ein Kunde darf und was nicht. Ich habe festgelegt wann, wie lange und mit wem ich arbeite. Und mit wem eben nicht.

Ich hatte das Glück, in einem sehr guten Puff aufgenommen worden zu sein, der von einer Frau betrieben wurde. Dort gab es keine Hierarchien. Niemand konnte mir Weisungen geben und die "Hausdamen", die für alles Organisatorische zuständig waren, haben streng darauf geachtet, dass sich Männer an Regeln halten.

"Egal unter welchen Bedingungen Prostituierte arbeiten, im Edelbordell oder bei einem Zuhälter: Sie alle wären besser dran, wenn der Sexarbeit nicht so ein großes Stigma anhaften würde."

Von solchen Arbeitsbedingungen können viele Sexarbeiterinnen nur träumen. Niemand weiß genau, wie viele Frauen sich in Deutschland prostituieren – und wie viele von ihnen es unter Zwang tun. Es ist fast unmöglich, zuverlässige Zahlen zu diesem Thema zu bekommen. Schätzungen gehen davon aus, dass es hierzulande zwischen 60.000 und 400.000 Prostituierte gibt und dass zwischen 30 und 70 Prozent von ihnen ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht nicht ausüben können. Das heißt zum Beispiel, dass sie keine Kunden ablehnen können – oder bestimmte Praktiken.

Aber egal unter welchen Bedingungen Prostituierte arbeiten, im Edelbordell oder bei einem Zuhälter: Sie alle wären besser dran, wenn der Sexarbeit nicht so ein großes Stigma anhaften würde. Die meisten müssen heute immer noch ein Geheimnis daraus machen, wo sie arbeiten – aus Angst, im Kindergarten von Erwachsenen nicht gegrüßt zu werden, wenn es rauskommt. Wer über seinen Beruf schweigen muss, hat es schwerer, sich zu organisieren und für seine Rechte zu kämpfen – und Gewalt, Vergewaltigungen und Ausbeutung anzuzeigen, wenn sie einem widerfahren. 

Freiwillige Prostitution ist ein Job

Auch mir wäre eine Gesellschaft lieber, die keine Prostitution bräuchte. Aber das Gedankenspiel, das ich beim Informationsfrühstück von Hydra durchspielen sollte – jeder zweite Mann im vollen S-Bahn-Abteil –, ist nicht so weit von der Realität entfernt. Etwa die Hälfte der Männer in Deutschland geht mindestens einmal im Monat in den Puff, 88 Prozent der Männer waren mindestens einmal in ihrem Leben dort. Das fand eine Umfrage der Frauenzeitschrift Brigitte heraus. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass in Deutschland jährlich 14,6 Milliarden Euro mit Prostitution umgesetzt werden.     

Prostitution, solange sie freiwillig passiert, ist ein Job. Nicht mehr und nicht weniger. Man stellt seinen Körper, seine Zeit und seine Aufmerksamkeit zur Verfügung und bekommt dafür Geld. Zu behaupten, dass Sexarbeiterinnen "ihren Körper verkaufen", finde ich Quatsch – sie haben ihren Körper nach dem Arbeitstag ja noch. Zumindest verkaufen sie ihren Körper nicht weniger als alle, die ihren Körper und Kopf für die Dauer der Arbeitswoche oder des Auftrags an ihren Arbeitgeber verleihen.

Dass man Prostitution oft als etwas Schmutziges behandelt, worüber man bestenfalls hinter vorgehaltener Hand spricht, zeigt nicht nur, wie verklemmt unsere Gesellschaft im Umgang mit Sex noch  ist. Es zeigt auch unsere Doppelmoral. Frauen bekommen von klein auf eingetrichtert, wie wichtig es ist, sexy und hübsch zu sein. Keiner sagt etwas, solange sie Sex gegen Aufmerksamkeit tauschen oder gegen einen Ehering. Aber sobald eine Frau einen konkreten Preis für Sex nennt, wird sie geächtet. Ihr wirft man vor, käuflich und schwach zu sein und alle anderen Frauen zu verraten.