Schicken Sie uns sexistische Sprüche, die Sie an Ihrem Arbeitsplatz zu hören bekommen – dazu riefen wir unsere Leserinnen und Leser vor vier Wochen auf. Zwei Wochen später richteten wir uns noch mal gezielt an Frauen mit der Frage: Was haben Sie erlebt, als Sie sich gegen Sexismus gewehrt haben? Bis heute haben uns Hunderte Mails erreicht. Hier können Sie alle Zuschriften nachlesen. Klicken Sie beispielsweise auf Bewerbung, dann erscheinen die Geschichten, die sich im Bewerbungsprozess ereignet haben. Klicken Sie auf Mann, so erscheinen die E-Mails, die uns von Männern erreicht haben. Wenn Sie die ganze E-Mail lesen wollen, dann klicken Sie das entsprechende Zitat an. 

Viele Bemerkungen gehen unter die Gürtellinie. Zum Beispiel wenn ein Kollege fragt, "Hast du etwa deine Periode?", oder vorschlägt: "Du musst auch mal wieder richtig durchgevögelt werden – dann bist du entspannter!" Oder wenn eine Ingenieurin am Telefon hört: "Ich würde lieber mit einem männlichen Kollegen sprechen." Eine Unternehmensberaterin berichtet von einem Feedbackgespräch, in dem ihr Chef sagte: "Wenn du nicht so jung und hübsch wärst, würdest du schon lange nicht mehr hier arbeiten." Alle diese Bemerkungen machen uns wütend, sie sind verletzend – manche auch beängstigend.

Einige Frauen haben uns von unangenehmen Berührungen geschrieben – und von einem Klima berichtet, in dem Übergriffe toleriert werden. Als etwa ein Kollege einer 21-jährigen Mitarbeiterin in einem Baumarkt unters T-Shirt griff und sie sich anschließend beim Chef beschwerte, sagte der: "Ich kann verstehen, warum er das getan hat." Einige wenige Frauen haben uns sogar Vergewaltigungen geschildert, von denen sie bislang noch nie jemandem erzählt haben. Oder sie berichteten, wie sie vor Gericht gescheitert sind, als sie gegen die Täter vorgingen.

Es geht ja nicht nur um die prominenten Fälle

Wir als Redaktion können diese Geschichten nicht überprüfen, wir wissen nicht, was sich im Einzelnen wirklich ereignet hat. Dennoch haben wir uns dazu entschlossen, die Mails zu veröffentlichen. Weil meist nur prominente Fälle in die Öffentlichkeit dringen – aber so viel mehr Frauen Sexismus erleben. Wir starteten unseren Aufruf zufälligerweise am selben Tag, an dem erstmals über die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein berichtet wurde. Die #MeToo-Debatte folgte, mittlerweile müssen Politiker in Großbritannien und Schottland zurücktreten und Kevin Spacey wird so bald keinen Film mehr drehen. Aber was ändert sich an deutschen Arbeitsplätzen?

Fast alle Frauen, die uns ihre Erlebnisse schilderten, haben einer anonymen Veröffentlichung zugestimmt. Sie haben sogar noch weitere Geschichten geschickt. Weil sie wollen, dass über Sexismus gesprochen wird und dass auch hierzulande etwas passiert. Nur wenige Frauen haben uns geantwortet, dass sie ihre Geschichte lieber doch nicht teilen wollen – aus Sorge, erkannt zu werden.

Wer oben aufmerksam die Zuschriften liest, dem werden ein paar Dinge auffallen. Gemeldet haben sich Frauen aus vielen verschiedenen Branchen. Besonders häufig meldeten sich Medizinerinnen, Angestellte im Öffentlichen Dienst und Frauen, die in der Automobilindustrie oder der Gastronomie arbeiten. Nicht alle Frauen stehen schon im Berufsleben. So meldeten sich auch Studentinnen, die Sexismus an der Uni erlebt haben, und Frauen, die vom Bewerbungsverfahren berichteten. Insgesamt haben sich sieben Männer gemeldet, denen gegenüber Kolleginnen anzügliche Bemerkungen gemacht haben.

Meistens sind die betroffenen Frauen neu im Job

Die meisten Betroffenen haben solche Situationen erlebt, als sie am Anfang ihres Berufslebens standen. Eine Zeit also, in der sie unerfahren waren und auf einer niedrigen Hierarchiestufe standen. Bei der Auswertung der Mails ist uns aufgefallen, dass der Sexismus besonders oft vom Vorgesetzten ausgeht und nicht von Kollegen. Das zeigt: Sexismus ist oft eine Frage der Macht. Wer eine Arbeitswelt ohne Sexismus will, der muss auch über Machtstrukturen, über Konkurrenz und Abhängigkeiten sprechen. 

Wenn Sie uns auch Ihre Geschichte erzählen wollen, dann füllen Sie doch diesen Fragebogen aus – wir behandeln Ihre Daten vertraulich und werden Ihre E-Mail in der Sammlung ergänzen.

Mitarbeit: Paul Blickle, Helen Hahne, Leila Klamroth, Johanna Ritter, Julian Stahnke, Jana Weiss