Kann Vereinbarkeit klappen? Politik und Wirtschaft haben viel versucht, um es Familien möglich zu machen, dass beide Eltern arbeiten. Trotzdem teilen nur 14 Prozent der Paare Haushalt, Erziehung und Beruf fair auf, das geht aus dem Väterreport 2016 der Bundesregierung hervor. Wer ein Kind kriegt, ist erst mal raus – und wenn die Frauen wieder arbeiten wollen, stecken sie oft in der Teilzeitfalle. Lea-Sophie Cramer ist 30 Jahre alt und arbeitete nach ihrem BWL-Studium bei der Boston Consulting Group und beim Rabattgutschein-Portal Groupon. Vor fünf Jahren gründete sich zusammen mit Sebastian Pollock den Onlinesexshop Amorelie. 2015 wurde sie zum ersten Mal Mutter, Ende vergangenen Jahres kam ihr zweites Kind zur Welt. Wie schafft sie das: Mutter sein und Unternehmerin?

Als die Wehen losgingen, wollte ich noch ein bisschen arbeiten. Ich dachte, ich hätte noch Zeit. Aber dann wurden sie schlimmer und schlimmer. Als ich nicht mehr sitzen konnte, sagte ich zu meinem Freund: "Wir müssen jetzt los, aber ich nehme den Laptop mit und schicke die Mail vom Krankenhaus los." Wir hatten in der kommenden Woche einen sehr wichtigen Termin mit unseren Investoren und ich hatte als Einzige die Präsentation auf meinem Laptop.

Es war Samstag, der Termin am Montag – und ich wusste ja nicht, wie lange die Geburt dauern würde. Mein Freund lachte nur. Das ist so ein Pflichtbewusstsein als Gründerin, das du nicht loswirst. Selbst in so einem Moment, in dem du dich eigentlich auf nichts mehr konzentrieren kannst, ist es da. Für mich ist das nicht belastend, sondern einfach Teil meines Jobs. Ich denke nie: "Nach mir die Sintflut."

Jetzt gerade war ich für acht Wochen im Mutterschutz. Das ist auch richtig so, aber natürlich bin ich als Unternehmerin nie ganz raus. Beim ersten Kind war das anders. Da war ich drei Monate komplett zu Hause. Insgesamt habe ich in der Zeit zehn Mails beantwortet und mein Mitgründer war einmal die Woche bei mir zu Hause, um die wichtigsten Entscheidungen zu besprechen.

Dienstags zu Besuch in der Firma

Mein Sohn hatte damals schwere Koliken, mein Freund und ich waren beide zu Hause und haben uns abwechselnd gekümmert, das war wirklich Schichtdienst. Dieses Mal haben wir uns auf genau so eine Situation eingestellt – und jetzt haben wir eine Tochter bekommen, die total unkompliziert ist. Sie schläft tagsüber manchmal drei Stunden am Stück. Deswegen habe ich Lust zu wissen, wie es in der Firma läuft und fahre dienstags auf einen Besuch hin. Donnerstags kommen meine zwei weiteren Geschäftsführer zu uns nach Hause.

Manchmal bekomme ich ungefragt gute Ratschläge oder Kritik, da die Gesellschaft oft denkt, sich in allen Lebenslagen in die Erziehung eines Kindes einmischen zu können. Ich lasse darüber aber keine Diskussion zu. Ich weiß, dass unser Modell ungewöhnlich ist, aber es ist eine sehr persönliche Sache, wie man als Familie leben möchte. Und wir wollen es so.

Ein Tag mit den Kindern ist oft anstrengender als ein Tag in der Firma

Ich kann aber auch verstehen, wenn Eltern zu Hause bleiben und die Zeit mit ihrem Kind genießen wollen. Wenn sie die vollen 14 Monate Elternzeit ausschöpfen. Natürlich ist es eine riesige Herausforderung, mit dem Kind zu Hause zu sein. Ich habe den größten Respekt vor Vollzeitmamis und Vollzeitdaddys. Oft ist es viel anstrengender, einen ganzen Tag mit zwei Kindern zu organisieren, Haushalt und gemeinsame Aktivitäten durchzuplanen als zu arbeiten. Deshalb ist für mich der Mix gerade genau richtig: Ich finde die Kinder und die Arbeit toll und möchte auf nichts verzichten.

Und ich glaube auch, dass viele Eltern sich wünschen, ihr Familienleben besser mit der Arbeit verbinden oder die Kinder mit ins Büro nehmen zu können. Wir haben deshalb einen Raum in der Firma, der halb als Kinderzimmer, halb als Meetingraum eingerichtet ist. Vorne steht ein Konferenztisch, hinter einem Paravent gibt es eine Couch, einen Tisch, ein Kinderbett und Spielzeug. Wenn ich da bin, halte ich alle meine Meetings in diesem Raum ab und wenn ich merke, dass die Kleine Hunger hat, dann gehe ich hinter den Paravent, damit ich geschützt bin. So kann ich immer noch an dem Meeting teilnehmen, während ich stille. In Termine mit externen Partnern nehme ich immer eine zusätzliche Person mit, die im Zweifelsfall übernehmen kann, wenn mein Kind weint und wir eine Runde um den Block laufen müssen.