"Nicht selten müssen wir Security oder Polizei rufen"

Claudia Römer arbeitet als Assistenzärztin in der Notaufnahme der Charité in Berlin-Wedding. Sie sagt: An Weihnachten ist ihr Job besonders stressig – auch weil die Emotionen mancher Patienten überkochen.    

Die älteren Pflegekräfte erzählen, dass sie früher an Weihnachten noch zusammen gekocht haben, weil so wenig los war. Das hat sich geändert. An Weihnachten ist es inzwischen genauso stressig wie an anderen Tagen im Jahr. Vor allem, weil die Zahl der Patienten in der Notaufnahme steigt.

An Feiertagen dauert eine Schicht zwölf Stunden. In diesem Jahr werde ich von 19:30 an Heiligabend bis 7:30 am nächsten Morgen arbeiten. Weihnachten fällt damit eigentlich komplett aus, denn wenn ich nach so einer Schicht nach Hause komme, muss ich erst mal schlafen. Zu wissen, dass die Familie gerade zusammen sitzt und miteinander anstößt, ist schade, aber die Arbeit an Sonn- und Feiertagen gehört eben zu unserem Job dazu. Als Team in der Notaufnahme hat man schon so viele Extremsituationen zusammen durchgestanden, das schweißt zusammen. Die Kollegen werden an Weihnachten zur Ersatzfamilie.

Für die Patienten ist das anders. Weihnachten in der Notaufnahme zu sein, ist für sie eine Ausnahmesituation, damit haben sie ja nicht gerechnet. Deshalb geht es an den Feiertagen schon emotionaler zu als sonst. Wenn wir voll besetzt sind, sind wir zwei bis vier Ärzte und fünf Pflegekräfte. Das ist an vollen Tagen wenig, da in schlimmen Fällen ein Arzt auch mal für mehrere Stunden mit einem Patienten beschäftigt ist. Wir behandeln nach Dringlichkeit, und so kommt es schon mal zu langen Wartezeiten für Patienten, um die wir uns nicht ganz so dringend kümmern müssen. Manche haben dafür kein Verständnis, sie werden laut oder sogar handgreiflich, weil es ihnen nicht schnell genug geht. In solchen Fällen müssen wir die Polizei rufen.

An Weihnachten sind die Patienten verständlicherweise noch emotionaler. An diesem Abend wollen Menschen noch weniger in der Notaufnahme landen als an anderen Tagen. Manche kommen direkt von der Bescherung zu uns. Viele chronische Kranke, also zum Beispiel Krebspatienten, lassen sich extra vor Weihnachten ausweisen, um mit ihren Familien zu feiern. Wenn sie dann doch kommen müssen, weil es ihnen plötzlich schlecht geht, ist das oft ein Schock für alle Beteiligten. Auch uns nimmt das mit, weil man weiß, dass es möglicherweise ihr letztes Weihnachten ist. Das ist sehr hart.

"Nach den Weihnachtsfeiertagen ist oft noch mehr los. Dann kommen viele Patienten in einem sehr schlechten Zustand"
Assistenzärztin Claudia Römer

Dazu kommen die Patienten, die an den Feiertagen einsam sind, zu viel Alkohol trinken oder Tabletten nehmen und deshalb kommen. Oder diejenigen, die einfach einen Gesprächspartner brauchen. Aber wir können und wollen niemanden wegschicken, bevor wir ihn nicht untersucht haben. Nur weil jemand zu Fuß in die Notaufnahme kommt oder äußerlich gesund aussieht, heißt das nicht, dass es kein Notfall ist. Neulich hatten wir einen Patienten, der kam mit einem Herzinfarkt hier angelaufen.

Nach den Weihnachtsfeiertagen ist oft noch mehr los. Dann kommen viele Patienten in einem sehr schlechten Zustand. Denen kann man förmlich ansehen: Die haben sich über die Festtage gerettet und manchmal schon zu lange gewartet, bis sie zu uns kommen.

Für mich beginnt nach den Feiertagen eine nachdenkliche Zeit. Erst wenn man zu Hause und das Adrenalin aus dem Körper verschwunden ist, kann man darüber reflektieren. Mit Freunden oder Verwandten spreche ich eher selten über meine Arbeit, die sind immer sehr schockiert. Es hilft mir mehr, mit den Kollegen zu sprechen. Und zu wissen, dass man an diesen Tagen etwas Sinnvolles getan hat.