Seit drei Jahren zeichnet der Australier Chaz Hutton, 33 Jahre, Alltagsprobleme des modernen Lebens auf gelbe Post-its. Früher arbeitete Hutton als Architekt. Ein großer Teil seiner Arbeit dreht sich um die Tragikomik des Büroalltags: Mit Strichmännchen, Grafiken und Diagrammen illustriert er endlose Sitzungen, WhatsApp-Nachrichten auf der Bürotoilette, steife Und-Wie-War-Dein-Wochenende-Gespräche.

Oft sind Huttons Klebezettel gleichzeitig so ertappend und unterhaltsam, dass man sich wünscht, Kollegen würden einem genau so ein Post-it auf den Bildschirm kleben. 170.000 Follower hat Hutton als Instachaaz mittlerweile auf Instagram. Seine Zeichnungen sind als Bücher und in dutzenden Onlinemagazinen erschienen. Selbstklebende Wahrheiten heißt seine Cartoon-Sammlung auf Deutsch.

©Chaz Hutton

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Cartoons drehen sich um den täglichen Kampf gegen die Prokrastination. Was ist Ihre persönliche Waffe?

Chaz Hutton: Es hilft, irre früh aufzustehen. Wenn du um 5.30 Uhr am Schreibtisch sitzt, tut es mehr weh, Zeit zu verschwenden. Aber manchmal ist es besser, nicht gegen den Drang zu prokrastinieren anzukämpfen, sondern es zumindest als "Recherche" zu labeln. Und sich selbst davon zu überzeugen, dass die YouTube-Videos, die du guckst, zu deinem Kreativprozess beitragen.

ZEIT ONLINE: Kann Prokrastination auch sinnvoll sein?

Hutton: Natürlich! Manchmal muss das Gehirn einfach abschalten. Ich glaube, es gibt tatsächlich so etwas wie gute Prokrastination. Das Haus kurz zu verlassen, ein Spaziergang oder sogar ein kurzer Museumsbesuch können manchmal genau das sein, was man braucht, um zurück in den Arbeitsmodus zu kommen.

©Chaz Hutton

ZEIT ONLINE: Wo arbeiten Sie gerade?

Hutton: Momentan in einem Coworking-Space in Brooklyn, allerdings werde ich bald viel unterwegs sein. Meistens arbeite ich in Cafés, Bars und Wohnungen von Freunden – irgendwo, wo ich ein Stück horizontale Fläche finden kann und Kaffee.

ZEIT ONLINE: Trotzdem geht es in Ihrer Arbeit oft um Büros. Sie stellen sie als beklemmende Orte dar. Oft ist auch die Sehnsucht nach dem Freitag ein Thema.

Hutton: Ich habe den Großteil meines Lebens in Büros gearbeitet, also kenne ich mich mit dem Büroalltag aus. Und ja, Büros sind oft erdrückend. Wobei ich glaube, dass das Risiko, ausgebeutet zu werden, für Menschen größer ist, die noch jünger sind als ich. Und damit meine ich nicht nur unbezahlte Praktika, sondern auch Stellen, die Berufseinsteiger bekommen. Oft wird jungen Leuten erzählt: Wenn ihr hart arbeitet und Überstunden macht, zahlen sich eure Hingabe und Loyalität aus. Oft ist es aber gar nicht der Fall.

©Chaz Hutton

ZEIT ONLINE: Denken Sie, es ist heute schwieriger, erwachsen zu werden?

Hutton: Die Definition von Erwachsensein hat sich gewandelt. Wir machen alles etwas später als unsere Eltern. Geradlinige Lebensläufe sind seltener, kaum jemand bleibt ein Leben lang bei einem Unternehmen. Zumindest in Australien haben wir es schwerer, ein eigenes Haus zu kaufen und unser Studium zu bezahlen. Ich frage mich manchmal, ob diese Ablehnung des traditionellen Lebensweges auch eine Reaktion darauf ist, dass es schwieriger für uns ist, ihm zu folgen als für unsere Eltern.