So ähnlich habe ich mir immer eine Entzugsklinik vorgestellt. Ein Haus mitten im Nirgendwo, die Natur gleich vor der Haustür, der nächste Bäcker 20 Autominuten entfernt. Der Weckgong läutet um sieben Uhr, um 23 Uhr ist Nachtruhe. Dazwischen arbeiten die Teilnehmer dieses sogenannten Schreibaschrams in einer ehemaligen Scheune, in der es keinen Empfang gibt und auch nicht geredet werden darf. Internet darf man nur eine Stunde am Tag benutzen, von 17 bis 18 Uhr. Alkohol ist verboten. Mein Handy schalte ich aus und gebe es ab. 

Zur Morgengymnastik um 7.30 Uhr komme ich zu spät, weil das abgegebene Smartphone auch meine einzige Uhr ist. Die anderen 19 Teilnehmer lassen gerade ihre Arme in der klirrenden Morgenluft kreisen.

"Optimales Arbeitsumfeld mit einer klosterähnlichen Tagesstruktur" – so erklärt die Werbebroschüre das Konzept. Schon seit vier Jahren bieten Ingrid Scherübl und Katja Günther die Schreibaschrams an. Die Freie Universität Berlin und die Universität der Künste schicken regelmäßig ihre Doktoranden zu ihnen. Aber auch Professoren, Autoren und andere Schreibende kommen hierher.

"Ich habe nachgerechnet, wie oft ich im Büro auf mein Smartphone gucke. Ich kam auf 122 Mal am Tag."

Ich schließe mich ihnen einen Tag lang an, weil ich nachgerechnet habe, wie oft ich auf mein Smartphone gucke. Ich kam auf 122 Mal am Tag. Und das, obwohl ich all die Arbeitsunterbrechungen nicht mitgerechnet habe, in denen ich E-Mails abrufe, Slack- und Facebook-Nachrichten beantworte und Nachrichtenseiten aktualisiere.

53 Mal am Tag gucken Deutsche im Schnitt täglich auf ihre Smartphones, das fand ein Informatikprofessor von der Universität Bonn heraus. Alle 18 Minuten unterbrechen sie dabei das, was sie gerade eigentlich tun. Bei mir nimmt das manchmal beunruhigende Auswüchse an. Ich wechsle kurz von meinem Word-Dokument zum Browser, um ein Wort nachzuschlagen, und finde mich 15 Minuten später im Facebook-Fotoalbum einer ehemaligen Mitschülerin wieder, mit der ich seit dem Abitur kein Wort gewechselt habe. Und habe keine Ahnung, warum ich überhaupt ins Internet gegangen bin. Wie ein Trinker, der im anderen Stadtteil aufwacht und nicht mehr weiß, wie er dahin gekommen ist – oder warum er überhaupt das Haus verlassen hat. Dann kehre ich zu meinem Dokument zurück, denke: "Ahh, dieses Wort wollte ich nachgucken", mache wieder den Browser auf … und mir passiert genau dasselbe noch mal.

Macht das Internet meine Arbeit wirklich effizienter?

Lange Zeit redete ich mir ein, das sei kein großes Problem. Das Internet machte mein Arbeiten schließlich effizienter: Kollegen eine Slack-Nachricht zu schreiben, ging schneller, als ans andere Ende des Großraumbüros zu laufen. Das Internet sparte mir Zeit, die ich sonst in Bibliotheken oder mit dem Wälzen von Wörterbüchern hätte verbringen müssen. In der Schlange am Schalter anzustehen, wenn man ein Zugticket für eine Geschäftsreise kaufen möchte, oder im Telefonbuch zu blättern, um einen Kontakt rauszusuchen – all das scheint heute unvorstellbar.

Doch die Geschwindigkeit hat einen Preis: Die Tatsache, dass ich alles sofort haben konnte, hat aus meiner Konzentration ein nervöses Schoßhündchen gemacht, das bei jeder Kleinigkeit zur Tür rannte. Ein Pling einer Nachricht – und futsch war sie weg.

Hier gibt es keine Ablenkung

In der Scheune des Schreibaschrams gibt es nichts, was mich ablenken könnte. Links ein Duden, rechts ein Fenster – die Stille wird nur unterbrochen vom Tippen der Doktoranden. Paradoxerweise fühlt es sich zuerst an wie eine Qual, dass keine Nachrichten aufploppen, keine Handys vibrieren, keine Kollegen "ganz kurz" was fragten. Ein paar Mal rufen meine Finger automatisch E-Mails auf und aktualisieren Twitter, obwohl der Kopf schon weiß, dass da nur eine Fehlermeldung kommt. An einem verzweifelten Moment schreit mein Gehirn so sehr nach Ablenkung, dass ich damit beginne, meinen Desktop aufzuräumen und alte Fotos durchzugucken.

"An diesem Vormittag habe ich so viel geschrieben, wie sonst an einem ganzen Tag im Büro."

Aber dann legt sich ein Schalter um – und ich finde es fast schade, als es zur Mittagspause gongt. An diesem Vormittag habe ich so viel geschrieben, wie sonst an einem ganzen Tag im Büro.

Die Mittagspause im Aschram dauert vier Stunden. Geschrieben wird nur von 9 bis 13 Uhr und von 17 bis 19 Uhr. "Wir finden, dass man nur sechs Stunden hoch konzentriert arbeiten kann", sagt Ingrid Scherübl. Niemand darf außerhalb der vorgegebenen Zeiten in den Arbeitsraum. "Wenn man nicht klar zwischen Arbeiten und Freizeit trennt, hat man oft das Gefühl, dass man prokrastiniert, auch wenn man die ganze Zeit gearbeitet hat", sagt Katja Günther. 

Beim Mittagessen, nachdem der stille Teil der Mahlzeit vorbei ist, komme ich endlich mit den Teilnehmern ins Gespräch. Keiner der Doktoranden ist hier, weil er sonst nicht weiterkommt – aber alle, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass sie hier produktiver sind. "Ich schaffe hier dreimal so viel wie zu Hause", sagte eine Literaturwissenschaftlerin. "Normalerweise habe ich alle 20 Minuten das Gefühl, auf mein Handy schauen zu müssen", erzählt eine Islam-Forscherin. "Hier komme ich besser in den Flow."

Niemand gibt gern zu, Hilfe beim Konzentrieren zu brauchen

Ihre Namen wollen die Teilnehmer nicht öffentlich machen. Eine Hilfestellung beim Konzentrieren zu brauchen – das scheint den meisten ein bisschen unangenehm zu sein. Dabei ist die Idee, auf das Internet zu verzichten, um produktiver und glücklicher zu sein, gerade so aktuell wie nie. Im Internet finden sich Dutzende Anleitungen für Internetentzug, manche Gläubige fasten vor Ostern Internet statt Süßigkeiten.

Nicht nur in den USA, auch in kleinen deutschen Dörfern wird inzwischen Digital Detox angeboten, 499 Euro das Wochenende. Sechs Tage im Schreibaschram kosten inklusive Verpflegung 1.400 Euro. Ziemlich viel Geld, wenn man bedenkt, dass man auch ganz kostenlos den Flugmodus im Handy einstellen oder den Stecker des Routers ziehen könnte.

Aber so einfach ist es wohl nicht: 44 Prozent der 18- bis 29-Jährigen finden ihren Internetkonsum zu hoch, zeigte eine Studie der Techniker Krankenkasse im vergangenen Jahr. Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass häufiges Onlinesein zwar nicht zwangsläufig Stress bedeutet. "Es fällt jedoch auf, dass die häufig Gestressten mit 60 Prozent überdurchschnittlich oft tägliche Netzbesucher sind", schreiben die Autoren. "Bei den selten Gestressten sind es nur noch 40 Prozent."

Ich würde gern zu diesen "selten gestressten" Internetverweigerern gehören. Leider habe ich aber einen Job, bei dem ich täglich online sein muss. Und ich glaube nicht, dass ich die einzige bin, die zwischendurch Videos über Käse-essende Babyigel guckt. Zwischen anderthalb und drei Stunden am Tag verbringen Angestellte mit Privatdingen bei der Arbeit. Das schätzt Roland Paulsen von der Universität Lund, der das Phänomen des Cyberloafing untersucht hat – der "Internetfaulenzerei" bei der Arbeit.

Muss ich ständig erreichbar sein?

"Wenn man konzentriert arbeiten will, ist es am effektivsten, das Internet ganz auszuschalten", sagt die Seminarleiterin Günther. "Wenigstens für ein paar Stunden am Tag." Aber schafft man das überhaupt, sich einen privaten Aschram am Arbeitsplatz einzurichten, in dem man weder für den Chef noch für die Kollegen erreichbar ist? "Es hilft nicht, im Alleingang etwas verändern zu wollen", sagt Günther. Über das Thema Erreichbarkeit müsse man mit Kollegen und Vorgesetzten sprechen. "Manchmal lohnt sich die Frage: Ist es wirklich so wichtig, jede E-Mail in der gleichen Minute zu beantworten – oder hat es sich einfach so eingebürgert?" Günther rät, E-Mails gebündelt abzuarbeiten – und wenn möglich, internetfreie Stunden oder Tage zu vereinbaren.

"Kennst du jemanden, der für das schnelle Beantworten von E-Mails in die Geschichte eingegangen ist? Ich auch nicht. Bitte gib mir etwas Zeit mit der Antwort oder ruf mich in Notfällen an."
Abwesenheitsnotiz einer Freundin

Das hört sich für mich zuerst schwierig an, nach Extrawurst, nach Sonderbehandlung. Aber dann erinnere ich mich an die Abwesenheitsnotiz, die eine Freundin immer einschaltet, wenn sie an einem größeren Projekt arbeitet: "Kennst du jemanden, der für das schnelle Beantworten von E-Mails in die Geschichte eingegangen ist? Ich auch nicht. Bitte gib mir etwas Zeit mit der Antwort oder ruf mich in Notfällen an." Darunter steht ihre Nummer. Die Freundin hat mir erzählt, dass sie noch nie jemand angerufen hat, nachdem er diese Mail bekommen hat.

In der Mittagspause können die Teilnehmer an einem der Workshops von Scherübl und Günther teilnehmen, die sich zum Beispiel um Schreiben oder Produktivität drehen. Ich mache in der Zeit ein Nickerchen, gehe spazieren und esse mit den anderen Kuchen. Um 17 Uhr setze ich mich wieder an den Schreibtisch. Am Ende des Arbeitstags, um 19 Uhr, muss ich mir eingestehen, dass ich trotz Kuchenrunde, Mittagsschläfchen und Spaziergang so viel geschafft habe, wie normalerweise an zwei Tagen im Büro.

Die neuen Vorsätze ins echte Leben mitnehmen

Meine E-Mails und die Recherche innerhalb der erlaubten Internetstunde abzuarbeiten, war überhaupt nicht schwer. Viel schwerer war es allerdings, all meine neuen guten Vorsätze ins echte Leben mitzunehmen. Der Newsroom einer Zeitung ist nun mal kein Aschram mit Vollverpflegung, der darauf ausgelegt ist, dass ich mich möglichst gut konzentriere. Abzuschalten ist im Jahr 2017 für die meisten Berufe ein Luxus.

Aber immerhin: Ich habe die meisten Pop-up-Messages auf dem Smartphone ausgestellt und SelfControl installiert – eine kostenlose App, die für eine gewählte Zeit den Zugang zu Seiten sperrt, die man auf die schwarze Liste gesetzt hat. Und ich habe mit meiner Ressortleiterin anderthalb Tage pro Woche ausgemacht, an denen ich offline gehen darf. An einem dieser Tage ist auch diese Kolumne entstanden. Noch immer plagt mich dieses Phantom-Mailabrufen und Handyanfassen, selbst wenn ich Internet und Empfang abgedreht habe. Aber ich habe nachgerechnet, wie oft ich an meinem ersten Schreibtag bei ZEIT ONLINE mein Handy in der Hand hatte. 34 Mal. Immerhin.